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Frischer Wind in der Hamburger Autorenvereinigung

Federwelt
Brigitte Pagendamm

Frischer Wind in der Hamburger Autorenvereinigung
Sabine Witt im Gespräch mit Brigitte Pagendamm

Seit Februar 2015 ist Sabine Witt Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung e.V. (HAV), zu deren Mitgliedern Schriftsteller wie Siegfried Lenz und Walter Kempowski gehörten. Das zurzeit prominenteste Mitglied (von insgesamt knapp 200) ist Arno Surminski. Der Verein steht AutorInnen aus allen Regionen offen und hat seinen Sitz in Hamburg. Witt, Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Lektorin und Übersetzerin, will den Verein bekannter und für den Nachwuchs attraktiver machen. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 65 Euro pro Jahr.

Wie wurden Sie Vorsitzende der Autorenvereinigung?

Als die Assistentin meines Vorgängers Gino Leineweber aufhörte, habe ich deren Aufgabe für viele Jahre übernommen. Unter anderem habe ich bei den Veranstaltungen die Gäste begrüßt und die Eintrittskarten verkauft. Dadurch habe ich den Verein von der Pike auf kennengelernt. Ich bin auf vielen Lesungen gewesen, man kannte mich auch durch meine Bücher, und ich habe für die Autorenvereinigung literarische Reisen veranstaltet. So bin ich da hineingewachsen und vor drei Jahren in den Vorstand gekommen.

Als Leineweber aufhören wollte, hat er mich gefragt, ob ich übernehmen würde. Das habe ich nicht leichtfertig bejaht, sondern mich geprüft, ob ich der Aufgabe gewachsen bin. Anfangs gab es Schwierigkeiten, weil ich – als kleine, blonde und für viele Herrschaften dort junge Frau – gegen Vorurteile kämpfen musste. Man hat mir das vielleicht nicht ganz so zugetraut, ich bin dann aber auf der Mitgliederversammlung einstimmig gewählt worden. Darüber freue ich mich sehr. Ich habe lange an der Uni Bremen italienische Literatur gelehrt, und die Arbeit im literarischen Bereich fehlte mir.

Wofür sind Sie gewählt worden? Was möchten Sie bewegen?

In den letzten Jahren habe ich erlebt, dass es einen harten Kern von Schriftstellern gibt, die schon lange in der Autorenvereinigung sind, und dass an der Peripherie neuere Mitglieder angesiedelt sind. Aber die Kontakte zwischen den neuen und den älteren Mitgliedern, die sind nicht da gewesen. Und was ich gerade mache, ist, die Mitglieder zu verbinden, sodass wir mehr gemeinsam arbeiten und uns miteinander austauschen.

Und wir müssen die Autorenvereinigung wieder attraktiv für jüngere Mitglieder machen. Es ist in der Vergangenheit vorgekommen, dass jüngere wieder ausgetreten sind, weil sie sich im Kreise der älteren, eher konservativen Mitglieder nicht so wohl gefühlt haben und auch bei Lesungen nicht so ankamen. Das muss sich ändern. Wir brauchen junge Menschen, und die sollen genauso wertgeschätzt und aufgenommen werden wie die älteren, und wir brauchen neue Veranstaltungsformate für die jüngeren. Zum Beispiel arbeiten wir inzwischen mit dem writers’ room zusammen. Außerdem möchte ich den Verein in eine etwas andere politische Richtung bringen (ich bin seit langem Mitglied der SPD) und daran arbeiten, dass die Öffentlichkeit uns stärker wahrnimmt.

Was sind die Vorteile einer Mitgliedschaft in der Vereinigung?

Wir bilden ein Netzwerk, man lernt sich kennen, man tauscht sich aus. Innerhalb der Vereinigung sind viele Freundschaften entstanden. Ich weiß von vielen, die richtig stolz sind, neben den bekannten Autoren bei uns Mitglied zu sein, und sich dadurch literarisch entwickeln können.

Einmal im Jahr bieten wir jetzt an, sich bei der Veranstaltung Was wir so schreiben – Neue Bücher unserer Autoren bekannt zu machen. Man kann sich hier erproben, auf einer Bühne stehen und lesen – gerade wenn man anfängt mit dem Schreiben und das noch nicht gewohnt ist, ist es wichtig, das in einem geschützten, familiären Rahmen zu tun. Es ist ja ein großer Unterschied, für sich alleine oder vor Publikum zu lesen. Wir geben auf Anfrage auch Literaturkritik, und man kann zu mir als Literaturwissenschaftlerin kommen und Texte durchsprechen.

Dann hat man bei uns die Möglichkeit, an Anthologien mitzuschreiben. Wir haben inzwischen zehn oder elf Anthologien herausgegeben.

Bietet die Mitgliedschaft die Möglichkeit, mit prominenten Autoren in einen kollegialen Kontakt zu kommen? Hätte ich von Siegfried Lenz Anregungen bekommen können?

Von Siegfried Lenz in den letzten Jahren leider nicht, weil er gesundheitlich dazu nicht mehr in der Lage war. Aber zum Beispiel von Arno Surminski, der sehr kommunikativ, offen und bodenständig ist. Mit dem kann man ganz entspannt bei oder nach unseren Veranstaltungen reden. Auch mit meinem Stellvertreter, dem beliebten Reiseschriftsteller Wolf-Ulrich Cropp, und Lea Singer, die ja vor vier Jahren den Hannelore-Greve-Literaturpreis erhalten hat. Oder mit Rosemarie Quadflieg. Die kann man alle wunderbar bei uns kennenlernen. Natürlich auch als Nichtmitglied: Unsere Veranstaltungen sind öffentlich. Man kann – völlig unverbindlich und kostenfrei – in unseren Verteiler aufgenommen werden und bekommt dann regelmäßig Veranstaltungshinweise.

Wer kann Mitglied werden?

Wir haben aktive Mitglieder und Fördermitglieder. Fördermitglied werden kann im Grunde genommen jeder. Wer sich als aktives Mitglied bewerben möchte, muss eine eigenständige Veröffentlichung vorweisen können. Das kann ein wissenschaftlicher Text sein, ein Sachbuch, Belletristik oder Lyrik. Wenn jemand mit seinen Texten in sehr vielen Anthologien oder Zeitungen/Zeitschriften vertreten ist, kann das auch gelten. Wir gucken da immer auf den Einzelfall, uns kommt es nicht auf Quantität, sondern auf Qualität an. Zudem braucht man zwei Befürworter, entweder Mitglieder der Autorenvereinigung oder andere Schriftsteller oder Menschen aus der Kultur.

Die Autorenvereinigung vergibt drei Preise ...

Den Hannelore-Greve-Literaturpreis, den Walter-Kempowski-Literaturpeis – Förderpreis der Hamburger Autorenvereinigung und ab 2016 den internen Kurzgeschichtenpreis.

Der Hannelore-Greve-Literaturpreis ist mit 25.000 Euro einer der höchst dotierten Literaturpreise in Deutschland. Namensgebend ist die Stifterin und Hamburger Ehrenbürgerin Hannelore Greve. Es gibt eine Jury aus Literaturkennern, zurzeit sind das Annemarie Stoltenberg, Nicole Christiansen, Tilmann Krause, Wolfgang Müller-Michaelis und Gino Leineweber und ich. Jeder schlägt ein, zwei AutorInnen vor, und dann einigen wir uns. 2014 ging diese Auszeichnung an Herta Müller. Als Dank kommt dann die jeweilige Preisträgerin/der jeweilige Preisträger binnen Jahresfrist zu uns und liest. Deshalb hatten wir im November 2015 die große Freude, Herta Müller zu begrüßen, und zwar zum Auftakt unserer neuen Reihe Literatur im Grand Elysée.

Der Walter-Kempowski-Literaturpreis ist ein Förderpreis und funktioniert ganz anders. Wir geben ein Thema vor, aktuell, für 2017, lautet es: Alles umsonst? Zur letzten Ausschreibung haben wir wieder einmal über 1000 Einsendungen aus der ganzen Welt erhalten, die meisten aus Deutschland, aber auch aus Österreich, England, Ungarn, der Schweiz und den USA. Vier Frauen der Hamburger Literaturszene haben sich durch die über 600 Texte gelesen, die den Vorgaben entsprachen. Jede wählte daraus zehn bis fünfzehn Texte aus, die der Hauptjury – fünf Mitgliedern der Autorenvereinigung – vorgelegt wurden. Die hat sich dann auf drei Texte geeinigt. In einem Festakt im NewLivingHome hat Gino Leineweber die Texte gelesen und dann haben unsere Mitglieder per Stimmzettel über die Reihenfolge entschieden. Siegerin 2016 wurde Nasanin Kamani.

Der HAV ist vorgeworfen worden, „faltenfreie Autoren“ präsentieren zu wollen. Aufgrund der Altersbegrenzung für die Teilnahme auf 50 Jahre hat die Vereinigung die RUNZELTOMATE 2014 erhalten.

Die RUNZELTOMATE wurde wohl extra für uns erfunden, denn sie wurde bisher nur ein einziges Mal vergeben. Mit einer solchen Kritik müssen wir leben, und wir nehmen die „Auszeichnung“ mit Humor. Denn wenn man sich den Altersdurchschnitt unserer Autoren ansieht, kann man von „faltenfrei“ nicht reden.

Aber Spaß beiseite: Dieser Preis heißt ja Förderpreis der Hamburger Autorenvereinigung. Wir haben gedacht, dass ein Förderpreis eher etwas für jüngere Autoren ist. Wir möchten diese fördern, sie ermutigen und ihre Karriere unterstützen. Wir glauben nicht, dass man ältere Autoren noch animieren muss. Es hat aber auch einen praktischen banalen Grund: Wir haben ein ganz kleines Büro mit einer Assistentin, die lediglich 20 Stunden pro Monat arbeitet, und wir nehmen uns Hilfe, um den Förderpreis abwickeln zu können. Weit über 1000 Einsendungen erreichten uns 2016. Davon haben 400 die formalen Bedingungen nicht erfüllt. Es ist sehr, sehr viel Arbeit, das alles auszuwerten und zu sortieren – und wir schaffen es rein personell nicht, noch mehr zu bewältigen.

Was raten Sie Autorinnen und Autoren, die ganz am Anfang stehen?

Sie sollten Mitglied in unserer Vereinigung werden (lacht). In unserer oder einer anderen Vereinigung. Es ist nicht gut, alleine am Schreibtisch zu sitzen. Man sollte sich Gemeinschaften suchen, ob eine Schreibwerkstatt oder eine Autorenvereinigung. Und wenn man bei uns Mitglied ist, würde ich wirklich empfehlen, die Veranstaltungen zu besuchen.

Eine gute Möglichkeit, sich selbst auf eine Bühne zu stellen, sind auch Poetry-Slams, die sehr großen Publikumszulauf haben. Wer die Wettbewerbssituation nicht mag, geht zu offenen Lesebühnen, etwa jeden dritten Montag im Monat im Das ROTH in Ottensen.

Also, ich rate, aktiv an Veranstaltungen teilzunehmen und mit Kollegen zu sprechen. Und nicht aufzugeben, wenn man keinen Verlag findet. Den allermeisten geht es so. Von unseren etwa 50 Fördermitgliedern und 150 Schreibenden, können etwa zehn davon leben, die anderen nicht. Und sie sind trotzdem Autoren.

Das Interview mit
Sabine Witt führte
Brigitte Pagendamm
In: Federwelt, Heft 121, Dezember 2016