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Die Mordsseiten der Marschall - Folge 1

Federwelt
anja marschall
Pfeilgiftfrosch; Foto: Wilfried Berns

Die Mordsseiten der Marschall
Folge 1: Der perfekte Mord

Von Anja Marschall – Krimiautorin, Vize-Präsidentin der Mörderischen Schwestern e.V., Mitglied des SYNDIKATS

 

Gibt es ihn wirklich, den perfekten Mord? „In der Realität nicht“, sagt garantiert der Pressesprecher Ihres örtlichen Polizeipräsidiums. Dank DNA-Analyse und Co liegt die Aufklärungsquote mittlerweile bei fast 95 Prozent, so das Bundeskriminalamt (BKA) im Juni 2016. Andererseits steige die Zahl jener Tötungsdelikte, die man nicht sofort als Mord erkenne, meint der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Hier horchen der ambitionierte Krimiautor und die nicht minder ambitionierte Krimiautorin auf. Beide fragen sich, wie sie „ES“ in ihrem Manuskript machen könnten, ohne dass Täter und Methode von der Leserin gleich erkannt werden. Ein guter Krimi muss ja nicht nur originell sein, sondern auch glaubwürdig. Dennoch finden sich immer wieder Krimis – vor allem im TV –, bei denen die Macher glauben, es reiche, wenn der Fall „irgendwie“ plausibel wirkt. „Baßd scho“, sagen die Nürnberger. Falsch! Der Grat zwischen Plausibilität – also dem, was man mangels Wissen und dank eines hohen Maßes an Fantasie dem Leser unterjubeln könnte – und absoluter Unglaubwürdigkeit ist verdammt schmal.
 

Wissen ist Macht!

Reiner Sowa, Krimiautor und Ex-Kommissar, hat da eine klare Meinung: „Ein guter Schreibstil ersetzt keine gute Recherche.“ (Ich möchte dem hinzufügen: Andersherum funktioniert es auch nicht.) Machen Sie es also so, wie erfahrene AutorInnen es tun: Eignen Sie sich als Laie ein semiprofessionelles Wissen an und fragen Sie Fachleute. Man kann ja nicht für jedes neue Manuskript zur Waffenexpertin, Kampfsportlerin oder zum Krabbeltierkenner werden. Andererseits kann man auch nicht vom Gerichtsmediziner der nächsten Universitätsklinik erwarten, dass er seine Freizeit mit einer Schar unwissender KrimiautorInnen verbringt. Wenn auch Sie in Mord und Totschlag machen – selbstredend ausschließlich schreibend –, dann möchte ich Ihnen hier ein paar Wissenstipps sowie Recherchemöglichkeiten mit auf den Weg geben.

Fällt Ihnen hier sofort Wikipedia ein? Vergessen Sie es! Nicht nur, dass das „Wiki“ vor Fehlern oftmals strotzt, nein, ein kritischer Leser wird dort zuerst nach Informationen suchen und im Falle eines abgeschriebenen „Fehlers“ Ihnen diesen mit mordsviel Spaß auf der nächsten Lesung um die Ohren hauen. Bilden Sie sich also ausreichend zu den Themen, die Ihr Buch betreffen.

Pfeilgiftfrosch und Vogelspinne

Starten wir mit den Wissenstipps zu unkonventionellen Mordmethoden und ‑werkzeugen. Da wäre aus dem Bereich der Biologie der Schreckliche Pfeilgiftfrosch zu nennen. Das goldgelbe Tierchen mit den schwarzen Knopfaugen ist äußerst possierlich. Leider mordet es sich mit dem Phyllobates terribilis in unseren Breitengraden schlecht, denn dazu müsste man ihn frisch aus Südamerika importieren. Ansonsten verweichlicht er nach sechs Monaten Urlaub in europäischen Gefilden und verliert seine Giftigkeit.

Wie wäre es mit der Vogelspinne? Haarig und geeignet, selbst beim lesenden Mann ein Kreischen hervorzurufen. Vergessen Sie es! Ihr Biss ist kaum gefährlicher als ein Wespenstich. Woher ich das weiß? Bei mir steht ein Exemplar des 1906 erschienen Buches Die Tierischen Gifte von E. S. Faust. Naja, und dieses Buch habe ich mir zugelegt, weil eine Kollegin daraus ihre höchst interessanten Mordmethoden entwickelt. Auch Bücher wie jene von Krabbeltierpapst Mark Benecke (http://home.benecke.com/) und seiner Frau helfen hier weiter. Es empfiehlt sich jedoch, die Bücher nicht kurz vor oder nach dem Essen zu lesen. Auf den Websites der Universitäten, die Kriminalbiologie unterrichten, finden Sie Fachliteratur zuhauf. Es lohnt sich, darin zu stöbern. Fachbücher sind teuer? Stimmt, aber die Kosten können Sie von der Steuer absetzen. Wenn Sie mit dem Schreiben noch nicht so viel Geld verdienen, dass sich der Kauf finanziell „lohnt“, gehen Sie in die nächste Universitätsbibliothek. Selbst, wenn Sie keine Studentin, kein Student sind, lässt man Sie Bücher wohl zumindest einsehen.

Fragen an Polizisten? Gut vorbereiten!

Ein perfekter Mord fragt auch immer nach dem „Gegner“, also dem Kriminalbeamten. Sie sind es, die dem Mörder die Tour vermasseln könnten. Ein – schreibender – Killer sollte die polizeiliche Vorgehensweise unbedingt kennen. Denken Sie an den TV-Kommissar, der im Einsatz seine Walther PPK zieht, mit beiden Händen den Griff umschließt und dabei seinen Daumen hinter den Schlitten legt. Das Ding fliegt zurück, wenn man abdrückt! Aua. Woher ich das weiß? Weil ich ein Schießtraining beim LKA in München besuchen durfte.

Zurück zu Ihnen. Sie haben eine Idee für einen Krimi? Prima. Ihr erster Recherche-Gang führt Sie also zur Polizei? Falsch. Wenn Sie recherchieren, benötigen Sie vorab ein solides Wissen über „Ihren“ Fall. Was auch immer Sie an Fachinfos über Bücher und Websites, Kollegenbefragungen und Seminare bekommen können, müssen Sie vor einem Interview mit dem Polizeisprecher geklärt haben. Beim BKA muss man als AutorIn übrigens mindestens fünf bis acht Wochen auf einen Termin warten, sofern man ihn überhaupt bekommt. Eine Besichtigung des kriminalpolizeilichen Grals gibt es nur ab Gruppen von 25 Personen und dann auch nur, wenn sie „vom Fach“ sind. Gehen wir davon aus, Sie haben einen Termin im LKA ergattert. Nehmen Sie ihn ernst. Bereiten Sie sich sehr gut darauf vor. Wenn Sie dort eine Stunde lang Fragen gestellt haben, nur um am heimischen Schreibtisch festzustellen „Da fehlt noch was!“ und erneut losfragen, machen Sie sich bei den Beamten unbeliebt. Ich empfehle Ihnen daher: Haben Sie klar im Kopf und auf dem Papier, worum es in Ihrem Buch gehen soll. Vereinbaren Sie erst dann einen Termin. Sicherlich wird man von Ihnen wissen wollen, was Sie denn schon alles veröffentlicht haben. Es empfiehlt sich, am Telefon eine Veröffentlichungsliste parat zu haben, auch wenn sie „nur“ Kurzgeschichten enthält. Erklären Sie genau, zu welchen Fachbereichen Sie Fragen haben. Einige Antworten können Sie vielleicht sofort erhalten, für andere zieht man beim Vor-Ort-Interview einen fachkundigen Beamten hinzu.

Eine meiner Recherchen im Hamburger Polizeipräsidium dauerte über zwei Stunden, obwohl ich sehr gut vorbereitet war und ein Aufnahmegerät habe laufen lassen, damit ich mich auf das Gespräch konzentrieren konnte.

Mara Laue, eine Kollegin von mir, warnte einmal den Pressesprecher der Wilhelmshavener Kripo, sie würde ihm Löcher in den Bauch fragen. Als er sie am Tag des Gesprächs empfing, trug er eine Schussweste, klopfte dagegen und meinte: „Von dem Ding prallen Ihre Fragen garantiert ab, ohne Löcher zu hinterlassen.“

Fachliteratur zur Ermittlungsarbeit

Für den Bereich der Polizeiarbeit können Sie beim Verlag Deutsche Polizeiliteratur (www.vdpolizei.de/shop/fachliteratur/) schauen, ob Sie dort geeignete Fachbücher zu Ihrem Thema finden. Von Grundlagen der Kriminaltechnik I über Todesermittlungen bis zu Vernehmungen gibt es hier alles. Empfohlen sei das Polizei-Fach-Handbuch, eine Loseblattsammlung in mehreren Bänden über alle Aspekte der Polizeiarbeit. Es ist ein stets aktuelles Nachschlagewerk und für die „Serientäter“ unter uns KrimischreiberInnen bestens geeignet.

Auch Der rote Faden – Grundsätze der Kriminalpraxis, den Sie im allgemeinen Buchhandel erwerben können, steht bei vielen von uns im Regal. Eine weitere Informations- und Inspirationsquelle ist der Newsletter der Gewerkschaft der Polizei. Sie finden ihn unter: www.kriminalpolizei.de/ausgaben/2016.html.

Fachzeitschriften sind zum Beispiel:

Es lohnt sich nachzufragen, ob man alte Ausgaben vom Verlag für einen Schnäppchenpreis bekommen kann oder ob einer Ihrer Informanten noch welche im Keller hat.

Die Vorrecherchen in Büchern und auf Websites lassen sich durch einen Kniff ergänzen, den ich Ihnen unbedingt empfehle: Bauen Sie sich systematisch ein Kompetenz-Netzwerk auf. Das ist eine Liste mit Personen, die zu bestimmten Themen fachkundig antworten können. Ich selber habe die Mörderischen Schwestern, einen Verein mit fast 500 literarisch mordenden Frauen. Jede von ihnen hat besondere Fachkenntnisse, die sie gerne den Kolleginnen zur Verfügung stellt. Das entbindet die Autorin zwar nicht von der eigenen Recherche, erleichtert aber Vieles und spart Zeit. Außerdem gibt es in Deutschland das Syndikat. Dies ist ein Verein für Männlein und Weiblein der krimischreibenden Zunft. Anders als bei den Mörderischen Schwestern muss man hier jedoch mindestens einen Krimi veröffentlicht haben, um aufgenommen zu werden. Sollte es bei Ihnen noch nicht so weit sein, gehen Sie zu einer Krimilesung und sprechen Sie den Autor, die Autorin an. Oder suchen Sie Autorenkollegen in Ihrer Nähe. Die meisten von uns helfen gerne weiter, schließlich waren wir auch mal Anfänger. Reiner Sowa stellt Infos sogar im Netz zur Verfügung: www.sowa.de/index.php/krimi-iq.

Fragen zum Milieu?

Ich selbst habe auf der Hamburger Reeperbahn recherchiert und die Chance gehabt, hinter den halbseidenen Vorhang der glamourösen Vergnügungsindustrie zu blicken. Für Lizzi und die schweren Jungs lag ich zur Probe in der Ausnüchterungszelle der Davidwache auf St. Pauli, ging mit einem Beamten über den Kiez, kippte ein paar Bierchen mit einem echten Punker und einem Typen, der behauptete, er sei ein Hells Angel. Letzterer kam mit seiner knatternden Harley zur Premierenlesung. KollegInnen bestätigen, dass viele Spezialisten für Gotteslohn alle Autorenfragen beantworten. Kaum einer will Geld haben. Recherchen können auch das Salz in der Autorensuppe sein. Und eine gute Recherche befähigt Sie zum „perfekten Mord“.

 

Autorin: Anja Marschall | www.anja-marschall.de
In: Federwelt, Heft 120, Oktober 2016
Foto: Phyllobates terribilis | Wilfried Berns