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Die Akquise für Lesungen hängt ausschließlich am Konzept

Federwelt
Elke Pistor
Vorlesender auf einer Bühne

Seit Erscheinen ihres ersten Krimis durfte unsere Autorin über 500 Lesungen im deutschsprachigen Raum halten. Ihr Garant für interessierte Veranstalterinnen und Veranstalter? Ein aussagefähiges, einzigartiges Lesekonzept.

Auf meiner allerersten Lesung im Jahr 2010 saßen mehr als 80 Zuhörerinnen und Zuhörer im Publikum, die Stimmung war hervorragend, der Buchverkauf exorbitant. Ich dachte, es würde nun immer so weitergehen.
Falsch gedacht. Denn in meiner Begeisterung hatte ich einige, nicht unwesentliche Punkte außer Acht gelassen: Zuallererst – diese Lesung war nicht „meine“, sondern eine Veranstaltung mit KollegInnen im Rahmen der CRIMINALE, die in der Eifel in Gemünd stattfand. Zum Zweiten bin ich in Gemünd groß geworden und die Stadt ist darüber hinaus Ort der Handlung in meinem Debütroman Gemünder Blut.
Das böse Erwachen kam – aus heutiger Sicht nicht überraschend – aber sehr heftig. Bis auf den Buchhändler in meinem damaligen und heutigen Wohnort, war es ungeheuer schwierig, andere davon zu überzeugen, mich für eine Lesung zu engagieren. Fast alle Versuche endeten mit Absagen.
Heute, genau zehn Jahre später, sieht die Situation ganz anders aus: Die 35 möglichen Lesungstermine für meinen 2019er Weihnachts-Krimi Lasst uns tot und munter sein waren bereits vor dem Erscheinen der Verlagsvorschau fast vollständig an die Veranstalter vergeben.

„Es ist Ihr erstes Buch und niemand kennt sie. Wir auch nicht. Das Risiko ist uns zu groß.“
Feedback diverser Buchhändler*innen 2010

Um zu verstehen, was sich in diesen Jahren geändert hat, muss man genau hinschauen, denn es ist viel mehr als die Tatsache, dass es 2019 eben der zehnte und nicht der erste Kriminalroman ist. Dazu kommen neben der Arbeit an meinen Fähigkeiten als Vorleserin eine genaue Marktbeobachtung, der Aufbau der eigenen Marke, das Schaffen eines guten Netzwerks und vor allem: ein individuelles Lesungskonzept für jedes Buch.

Welche Vorlesefähigkeiten braucht es?
Eine Tatsache, die leider allzu oft verdrängt wird, ist, dass nicht jeder, der einen guten Text schreibt, diesen Text auch gut vortragen kann. Unabhängig von der Lesungsdramaturgie – Details dazu später – braucht es mehr als nur das Vorlesen der Worte. Es braucht die Beherrschung des Instruments Stimme, um den Text lebendig werden zu lassen. Es braucht Artikulation, Modulation und je nach Temperament der Vortragenden und dem Tenor des Buches auch ein wenig schauspielerische Darstellung.
Die gleichen Menschen, die Ihre Lesung besuchen, haben auf dem Weg dorthin vielleicht gerade ein Hörbuch gehört. Auch wenn Sie nun, zu Recht, sagen, Ich bin doch kein Schauspieler, werden Sie daran unbewusst gemessen werden. Es empfiehlt sich also auf jeden Fall, Sprechunterricht zu nehmen und an seinen eigenen Fähigkeiten immer weiter zu arbeiten. Bleiben Sie stets kritisch sich selbst gegenüber. Es geht noch besser.

Gibt es einen Markt für Lesungsveranstaltungen?
Eine Lesung ist vorgestellte Literatur. Literatur ist Kultur. Kultur und marktorientiertes Denken passen nicht zueinander. Ja. Und nein. Also ein klares Jein. Mit dem Ziel, im Buchmarkt Fuß zu fassen, sollte man immer beide Aspekte beachten. Denn Sie möchten sich und Ihr Buch am Markt positionieren und dieser Markt hat Gesetze. Nicht zuletzt deswegen, weil Verlage, Veranstalter und Sie damit Geld verdienen möchten und müssen.
Doch auch hier gilt es, die potenziellen Veranstalter differenziert zu betrachten: Nutzen die Buchhandlungen Lesungen in erster Linie als ein Instrument zur Kundenpflege, Werbung und Verkaufssteigerung, sind die Bibliotheken der Kulturförderung sogar verpflichtet. Die großen Festivals unterliegen eigenen Regeln, da sie sich selbst als Marke positionieren. Hier werden die Lesungsplätze oft in enger Absprache mit den Verlagen an deren Spitzentitel und Publikumsmagneten vergeben. Newcomer haben nur dann eine Chance, wenn sie als Marke aufgebaut werden sollen.
Andere Veranstalter wie Restaurants möchten ihren Kundinnen ein Event im Rahmen ihres normalen Tagesgeschäfts anbieten. Wieder andere sehen eine Lesung als ungewöhnliche Möglichkeit der Werbung: Krimilesungen in Bestattungsunternehmen, Liebesromane bei Partnervermittlungen, historische Romane bei Antiquitätenhändlern oder humorvolle Lesungen in Wollläden sind denkbar.
Es empfiehlt sich, die Interessenlage der Veranstalter bei der Akquise zu berücksichtigen, um Termine vereinbaren zu können. Und entwickeln Sie ein wenig Fantasie bei der Suche nach möglichen Veranstaltungsorten. Ihre Hauptfigur ist Blumenhändlerin/Zahnärztin/Nachlassverwalter? Großartig! Her mit dem Branchenbuch. Ihr Handlungsort ist ein beliebtes Urlaubsziel? Ab zum nächsten Reisebüro.

Die Autorin – der Autor als Marke
Der Buchmarkt ist schnelllebig. Neuerscheinungen verschwinden nach drei bis vier Monaten aus den Regalen, manche sogar noch früher. Verkaufszahlen entscheiden über die Verträge zu Folgebüchern. Verlage ändern ihre Programmschwerpunkte. Autoren wechseln den Verlag, weil sie bessere Angebote bekommen oder entscheiden sich, ihre Bücher selbst zu veröffentlichen. Die noch bis vor wenigen Jahren feste Verbindung von Verlag und Schreibenden löst sich mehr und mehr auf. Viele Autorinnen und Autoren veröffentlichen ihre Bücher über unterschiedliche Wege und bei mehreren Verlagen. Da macht es Sinn, den einzigen kontinuierlichen Faktor in den Mittelpunkt zu stellen und als Marke zu positionieren: die Autorin, den Autor selbst. Die Veranstalter sollen Sie und Ihre Lesung buchen, unabhängig vom Verlag oder Veröffentlichungsweg. Wie Sie das erreichen können?

Soll ich mich etwa zum Affen machen?
Auf einem meiner Vorträge zum Thema Lesungsakquise stand einer der Zuhörer, ein junger Kollege, auf und empörte sich über die in seinen Augen prostituierende Art, aus Lesungen so ein „Affentheater“ zu machen. Er war der Meinung, es müsse reichen, wenn der Künstler käme, die ersten 20 Seiten aus seinem Buch läse, einige Fragen aus dem Publikum beantworten und dann wieder gehen würde. Nach dem Vortrag habe ich mir die Mühe gemacht und auf seiner Webseite nach Veranstaltungsterminen gesucht. Es machte den Eindruck, als ob nicht viele Veranstalter seine Meinung teilen würden. Trotzdem hatte er in einem Punkt unbedingt recht. Niemand soll sich „zum Affen“ machen und Lesungen veranstalten, mit denen er oder sie sich nicht wohlfühlt. Zumal so ein „aufgedrücktes“ Konzept sicherlich auch nicht erfolgreich sein würde.
Deshalb gilt es als Erstes, genau hinzuschauen: Was bin ich für ein Autor, was für eine Autorin? Bin ich introvertiert oder eine Rampensau? Bin ich ernsthaft und schüchtern oder der schlagfertige und lustige Hans Dampf? Oder irgendetwas zwischen diesen beiden Extremen? Was biete ich für einen Text? Welches Genre? An welchem Ort spielt das Buch? Was ist das Thema? Gibt es hierzu Recherchewissen, das für das Publikum neu sein könnte? Bringe ich einen Brotberuf mit, der für den Inhalt des Buches interessant ist, der vielleicht Pate für die Entwicklung der Hauptfigur gestanden hat? Wie ist meine Arbeitsweise, wenn ich ein Buch schreibe? Wie recherchiere ich? Gibt es Bilder, Notizen, Videos aus der Recherche und der Entstehungszeit des Buches? Bin ich bereit und in der Lage, auch andere Medien wie einen Beamer oder Musik zu nutzen? All das kumuliert in der Frage: Was kann ich dem Besucher, der Besucherin meiner Lesungen über den reinen Inhalt des Buches hinaus bieten? Was ist der Mehrwert, wenn er oder sie diese Veranstaltung besucht? Denn – das Buch lesen können alle selbst, dazu brauchen sie den Verfasser, die Verfasserin nicht.

Eine gute Lesung ist kein Add-on zum Buch. Sie ist eine eigenständige Kunstform.

Sind Sie sich darüber im Klaren und haben Antworten auf die Fragen gefunden, können Sie ein Lesungskonzept entwickeln, dass sowohl inhaltlich auf das Buch als auch auf Ihre individuellen Fähigkeiten abgestimmt ist. Ich handhabe es mittlerweile so, dass ich ...

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Autorin: Elke Pistor | www.elkepistor.de | www.skriva.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 140, Februar 2020
Blogbild: Tye Doring auf Unsplash

 

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Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 140, Februar 2020: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-12020
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