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Der professionelle Video-Auftritt: Talks, Lesungen und Seminare online gestalten

Federwelt
Julian van Dieken

Welche Konferenztools sind empfehlenswert? Worauf inhaltlich und technisch achten, wenn ich Talks und Lesungen professionell vorbereiten, durchführen und nachbereiten will? Welche Vorteile bieten Live-Video-Formate gegenüber vorproduzierten? Und wie sieht es aus mit dem Geld-Verlangen?

Christina Maria Schollerer erforscht und konzipiert digitale Formate seit fünfzehn Jahren. Sie ist Digital-Storytelling-Dozentin, StoryDesign.Studio-Gründerin und berät Autor*innen und Verlage beim Markenaufbau. Für diesen Beitrag hat sie den Erfahrungsschatz von fünf Expert*innen zusammengetragen.

Erster in der Webvideo-Expertenrunde ist der Künstler, Dramaturg und Hacker Michael Straeubig.

Tipps vom Technik-trifft-Kunst-Experten
Michael Straeubig im Gespräch mit Christina Maria Schollerer

Michael Straeubig ist einer der führenden Ansprechpartner, wenn es um den kreativen Umgang mit Videokonferenzen und Software geht. Aktuell entwickelt er am Düsseldorfer Schauspielhaus eine Theaterinszenierung, in der eine künstliche Intelligenz die Regie übernimmt.

Michael, Videokonferenztools und Kunst – wie passt das zusammen?
Sehr gut sogar, vor allem, wenn wir die Plattformen als eigene Inszenierungsform begreifen. Da sind die Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft!
Inspiration gibt’s zum Beispiel bei der Akademie für_Theater_und_Digitalität.

Welche Plattformen und Konferenztools kannst du empfehlen?
Mir liegen vor allem Open-Source-Tools und faire Datenschutzregelungen am Herzen. Daher nutze ich vor allem Jitsi Meet für Videokonferenzen und OBS Studio fürs Broadcasting. Das ermöglicht mir die Übertragung an eine Reihe von Streaming-Sites und die Erstellung virtueller Bühnen. Kostenlos. In Kombination mit CamTwist Studio (Mac) oder NDI (Windows) kann ich damit virtuelle Kameras erstellen und Bilder, visuellen App-Output sowie Videostreams mischen und zusammenstellen.
Zoom und erst recht Houseparty meide ich aufgrund der Datenschutzmängel. Bei Zoom-Meetings schalte ich mich lediglich per Telefon dazu. Die Software aber lasse ich nicht auf meinen Rechner. Meine Empfehlung: die gewünschte Plattform plus „Datenschutz“ googeln und schauen, was aktuell über die Tools geschrieben wird. Denn das wandelt sich schnell.

Michaels Tipps für die optimale Videokonferenz

  • Mache dich vorab mit deinen Tools vertraut. In Jitsi kannst du beispielsweise das Chat-Fenster und die Raise-Hand-Funktion benutzen. Auch lassen sich Teilnehmer*innen stumm- und ausschalten. Kläre im Vorfeld, wo sich diese Schaltflächen befinden. 
  • Bereite den Konferenzraum vor. Normalerweise beginne ich eine Besprechung zehn Minuten im Voraus, lege das Passwort fest, schalte zunächst Kamera und Mikrofon aus und hinterlasse eine Nachricht im Chat-Fenster: „Treffen beginnt um: [Uhrzeit].“ Einige Tools verfügen über einen virtuellen Warteraum, in dem man eine Notiz einstellen oder Musik abspielen kann.
  • Versuche, intensive dreistündige Besprechungen zu vermeiden. Videokonferenzen mit 20 Personen können anstrengend sein. Plane bewusst Pausen ein.
  • Schicke den Teilnehmenden rechtzeitig vor und nach der Besprechung alle wichtigen Informationen.
  • Noch wichtiger als bei realen Meetings ist eine klare Agenda und eine Person, die die Sitzung moderiert.
  • Stelle sicher, dass alle eine Technikeinführung bekommen haben. Zu Beginn jedes Treffens gehen wir die Hauptmerkmale der genutzten Plattform für die Teilnehmer*innen durch.
  • Teilnehmer*innen, die gerade nicht sprechen, können und sollten ihre Mikrofone stumm schalten. Das spart Bandbreite und auch Datengröße beim Aufnehmen – und es reduziert das Rauschen.
  • Lasse möglichst wenige Anwendungen und Tabs auf deinem Gerät geöffnet, um so viel Speicher, Bandbreite und Leistung wie möglich für die Konferenz bereitzustellen. (Die Funktion „Hintergrund weichzeichnen“ frisst viel Leistung!)
  • Alles ist eingefroren? Verlasse die Sitzung und logge dich neu ein.
  • Sorge für einen Backchannel, einen zweiten Kommunikationskanal außerhalb der Konferenz, auf dem man sich bei dir melden kann, falls Login-Probleme auftreten oder du nicht zu hören bist.
  • Hab Spaß mit den Werkzeugen! Statt der digitalen Emojis im Chat nutze ich zum Beispiel selbst gebastelte, die ich einfach in die Kamera halte. Gerade für Gesprächsrunden finde ich das persönlicher.
  • Miss die Upload- und Downloadgeschwindigkeit deines Computers mit einem Tool wie www.speedtest.net. Deine Upload-Geschwindigkeit ist entscheidend für die Übertragungsqualität. Manchmal helfen kleine Schritte, wenn es hakt: Starte deinen Router neu, sieh nach, ob Updates der Firmware verfügbar sind, ändere das Passwort und sichere dein Netzwerk nach außen, damit nicht die halbe Nachbarschaft dein Netz mitnutzt.

➢    Michael Straeubig im Netz | auf Twitter: www.i3games.de | @crcdng
➢    Mehr zu „Tools for Communication and Collaboration […]“: https://tinyurl.com/tvlv87v

Die Atmosphäre analoger Begegnungen lässt sich online viel schwerer herstellen. Hast du dazu Tipps?
Tatsächlich kann es helfen, räumliche Nähe zu simulieren. Mit NDI oder CamTwist Studio lässt sich ein virtueller Hintergrund einschalten. Die Wahl derselben Hintergrundumgebung, beispielsweise einer Bar, ist nicht nur Spielerei, sondern hat auch einen sozialen Effekt. Auch das Experimentieren mit virtuellen Klanglandschaften wie Coffitivity kann helfen. Damit wird das Gefühl erzeugt, dass man sich gemeinsam in einem Café befindet.

Die beliebtesten Plattformen

  • Instagram Live / IGTV: Vertikaler Video-Streaming-Dienst, geeignet für technisch unaufwendige Einzel-Livestreams und Talks mit Live-Chat auf Instagram. Beispiele: Sebastian Fitzek (@sebastianfitzek) und LovelyBooks (@lovelybooks.de).
  • Facebook Live: Horizontaler oder vertikaler Video-Streaming-Dienst von Facebook.
  • YouTube: Streaming-Plattform für vorproduzierte Videos, allerdings inzwischen auch mit Live-Streaming-Funktion ausgestattet. Inspirierend: die Kanäle von Ava Reed, Tami Fischer und Penguin Teen.
  • Twitch: Video-Live-Streaming-Plattform, ursprünglich hauptsächlich von Gamern genutzt. Horizontales Bild. Tommy Krappweis (@WildMics) und Jacqueline Vellguth (@schriftstellerwerden) nutzen Twitch. Auf die Frage, warum, antwortet Jacqueline: „Bei Twitch haben mir von Anfang an drei Dinge sehr gut gefallen: 1. Andere Plattformen bauen größtenteils auf dem ‚Fernsehmodell‘ auf. Das heißt, es gibt einen, der das Video dreht und jemanden, der sich dieses Video wann-auch-immer anschauen kann. Twitch dagegen fokussiert sich gerade auf die Interaktion zwischen Streamer und Publikum. Es geht um das Miteinander-Erschaffen einer gemeinsamen Erfahrung und das fühlt sich für beide Seiten toll an. 2. Es ist mir unheimlich sympathisch, dass Twitch die Möglichkeit bietet, den Streamer zu unterstützen. Entweder durch Abonnements, durch „Bits“ oder auch direkt durch Spenden. Diese Option gibt es auch auf anderen Plattformen, wird aber erst ab 100.000 Abos freigeschaltet. 3. Vergänglichkeit. Videos auf anderen Plattformen sind häufig für immer sichtbar. Dadurch, dass Twitch die Videos nur 14 Tage lang speichert, entsteht automatisch eine Dringlichkeit. Du musst dir den Stream ‚jetzt‘ anschauen, sonst ist er weg. Aber Achtung: Twitch ist keine Plattform, auf der du entdeckt wirst! Wenn du willst, dass deine Zuschauerzahlen wachsen, musst du sie über andere Kanäle mitbringen, etwa über deinen Newsletter, Instagram, Twitter oder YouTube.“

Tipps vom Videoproduzenten
Julian van Dieken im Gespräch mit Christina Maria Schollerer 

Julian van Dieken ist freier Videoproduzent und Leiter der Medienproduktion beim Hamburger E-Learning-Anbieter für Kitas Waterkant Academy. Seit mehr als fünfzehn Jahren konzipiert, dreht und schneidet er Videos aller Art fürs Netz und berät Hochschulen und Firmen bei der Produktion. Das Gesprächsthema: Video-Profiqualität von Format bis Bildaufbau.

Worauf sollte ich achten, wenn ich als Autor*in Videos fürs Internet produzieren möchte, wie finde ich das „richtige“ Format?
Es ist immer wichtig, sich zu fragen: Wer ist meine Zielgruppe und welches Format passt zu ihr? Dafür muss ich die Formate kennen, kann sie dann aber auch variieren und ändern.
Will ich Live-Interaktion einbinden, direkt auf Zuschauerfragen eingehen? Und soll der Inhalt dessen, was ich zeige, vom Publikum beeinflusst oder mitentwickelt werden? Dann ist ein Live-Format sinnvoll.
Für die Waterkant-Academy-Zielgruppe hat das aktuell keinen Sinn. Wir präsentieren in unserem wöchentlichen Video-Podcast auf YouTube jeweils fünf Tipps für Kita-Fachkräfte. Die Interaktion läuft asynchron in einer Facebook-Gruppe oder über die YouTube-Kommentare. Interessante Beiträge der Nutzer*innen greifen wir einmal wöchentlich in der Show auf. So kann ich den Fokus der Videos besser steuern und die Inhalte schneller und konzentrierter auf den Punkt bringen. Ist das Format klar, geht es an den Bildaufbau.

Der Bildaufbau für die optimale Wirkung

Julians Tipps:

1.    Der wichtigste Faktor: bewusst Licht setzen
Es geht darum, nicht einfach alles „totzuleuchten“, sondern Konturen zu finden und den Sprecher oder die Sprecherin im Bild hervorzuheben.
Die klassische Beleuchtung beim Film nennt sich Drei-Punkt-Beleuchtung mit Hauptlicht, Aufhelllicht und einem Akzentlicht für die Konturen. Für die Videoproduktion heißt das: Zuerst eine Hauptlichtquelle (das hellste Licht im Raum) für das Gesicht setzen. Das kann das Fenster oder sogar der Computermonitor sein. Spiegelungen des Lichts in den Augen machen das Gesicht lebendig. Also nicht mit dem Rücken zum Fenster sitzen! Dann eventuell eine zweite Lichtquelle von der Seite für die Aufhellung setzen. Ich nutze ein kleines LED-Licht (3) und meinen zweiten Monitor, auf dem ich eine leere Word-Datei aufrufe, damit der Screen möglichst hell ist. Hauslampen sind möglich, aber häufig zu gelb. Ausprobieren hilft! Dekolichter sind eher für die Farbstimmung zuständig. In diesem Fall passen die Dekolichter, orange und grün (4 und 5) zu den Farbtönen im Bild und meinem Outfit. Auch hier habe ich improvisiert und ein Campinglicht (4) für die Stimmung eingesetzt.

2. Kamera immer aufs eigene Augenlevel bringen
Nicht von oben oder unten filmen, sondern die Kamera auf eine Höhe mit den eigenen Augen bringen. Man kann zum Beispiel Bücher unter den Laptop stapeln und so das Filmen aus einem unvorteilhaften Winkel vermeiden.

3.Tiefe im Bild schaffen
Tiefe im Bild rückt den Sprecher stärker in den Mittelpunkt und sieht vorteilhafter aus, als wenn der Sprecher wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand steht.
Was das Spiegelreflex-Bild attraktiver macht, sind die vier Ebenen: Der angeschnittene, unscharfe Monitor im Vordergrund, ich auf der zweiten Ebene, der Schrank als dritte und der grau-grüne Hintergrund als vierte Ebene; in diesem Fall gewollt leicht unscharf, weil ich ein Objektiv mit weit offener Blende nutze. Somit liegt der visuelle Fokus hier auf mir als Sprecher.
Tiefe lässt ein Bild augenblicklich wertiger erscheinen. Es lohnt sich, darauf zu achten und sich so von anderen abzusetzen.

4. Den Hintergrund mitdenken
Alles, was ich im Video zeige, ist letztlich Teil meiner Marke, die ich sende. Deshalb ist das Gesamtbild wichtig, auch der Hintergrund.
Grundsätzlich gilt: Alles was im Bild zu sehen ist, sollte absichtlich dort sein. Alle Gegenstände, die nicht ins Bild gehören, lenken im blödesten Fall ab (oder verführen zum Diebstahl) und sollten raus.
Die Frage ist allerdings: Wie viel Aufwand will ich für „das perfekte Bild“ betreiben?
Wer schnell einen glatten Hintergrund schaffen möchte, kann Vorhänge oder Falthintergründe nutzen. Diese (auch Greenscreens) gibt es ab 50 Euro. Ich finde es aber immer sympathischer, wenn man einen eingerichteten Raum sieht. Auch hier ist Tiefe interessanter; und die bekomme ich nur hin, wenn ich nicht direkt vor einer Wand sitze.
Viele YouTuber besitzen eigens eingerichtete Dreh-Ecken zuhause, etwa mit dem typischen ...

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Autorin: Christina Maria Schollerer | www.storydesign.studio | Insta: @storydesign.studio
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 142, Juni 2020
Blogbild: Christina Maria Schollerer

 

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