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Deana Zinßmeister über ihren Berufsalltag als Schriftstellerin

Federwelt
Deana Zinßmeister
Schaufenster einer Buchhandlung mit Büchern von Deana Zinßmeister

Deana Zinßmeister, Autorin von Verlagsbestsellern, erzählt, wie ihr Hobby zu ihrem Beruf wurde, was der Berufsalltag mit sich bringt und worin sie ihren Erfolg begründet sieht

Vor 27 Jahren inspirierte mich ein Bericht über Weinanbau in Australien zu meiner ersten „Romangeschichte“. Damals hatte ich keine Ahnung vom professionellen Schreiben, erst recht keine vom Verlagswesen. Ich war Geschäftsfrau mit eigenem Einzelhandels-Unternehmen und hatte – wie auch mein Umfeld – keine Berührungspunkte mit der Buchbranche. Vielleicht war das der Grund, warum ich nicht einmal meiner Familie von meinem neuen Hobby erzählte. Womöglich auch deshalb nicht, damit mir niemand die Begeisterung rauben konnten, mit der ich meiner Fantasie freien Lauf ließ.

Schreiben ohne Druck und Zwang
Vom ersten Tag an faszinierte es mich, gute und böse Charaktere zu erschaffen, dabei in ihre Haut zu schlüpfen und für sie verzwickte Handlungsstränge zu überlegen.
Nachdem ich 13 Jahre lang so manche Nacht am Schreibtisch verbracht hatte, und meine Geschichte mehrere hundert Seiten füllte, wagte ich, mein lang gehütetes Geheimnis preiszugeben. Angespornt durch positives Feedback, bewarb ich mich mit dem Manuskript bei der Literaturagentin Ingeborg Rose in Hamburg. Diese nahm mich sofort unter Vertrag. Keine vier Wochen später hielt ich einen Zweibuchvertrag in Händen.
Nach Jahren des entspannten und selbstbestimmten Schreibens war ich nun Berufsschriftstellerin, die Regeln zu beachten hatte. Das hieß in erster Linie, den Abgabetermin für Teil zwei meiner Familiensaga einzuhalten, der bereits acht Monate später lag.

Alles richtig machen
Meine Familiensaga hatte ich intuitiv geschrieben – so, wie ich mir eine Geschichte vorstellte und ich sie selbst gerne las, damals. Meinen dritten Roman, der zugleich mein erster historischer Roman werden sollte, wollte ich professionell erarbeiten.
Ich informierte mich in angesehenen Schreibforen über das Plotten eines Romans, las stapelweise Schreibratgeber und erkundigte mich nach den Arbeitsweisen erfolgreicher Kolleginnen und Kollegen. Von ihnen erfuhr ich, wie sie ihre Geschichten planten, Figuren erfanden, sich Handlungsstränge überlegten und nur selten etwas dem Zufall überließen. Schon bald rauchte mir der Kopf von all den Regeln und den gut gemeinten Ratschlägen. Doch ich ließ mich nicht entmutigen. Ich wollte alles richtig machen, alles beherzigen und diesen Roman klar durchstrukturieren. Dazu gehörte es, den richtigen Spannungsbogenaufbau ebenso zu berücksichtigen wie den Konjunktiv in der indirekten Rede. Außerdem riet man mir, farbige Tabellen zu erstellen, um wichtige von unwichtigen Figuren zu unterscheiden und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
Ich erfuhr von Schreibprofis, dass es ratsam wäre, Tagebücher für meine Figuren zu führen, damit ich tiefer in ihre Charaktere abtauchen konnte. Nachdem ich den Hinweis einer Kollegin Show don’t tell gegoogelt hatte, schrieb ich ihn fett auf ein Blatt Papier und hing ihn über meinen Schreibtisch.

ICH kann das so NICHT
Wochenlang versuchte ich, alles fachmännisch zu ergründen und zu berücksichtigen, bis mir klar wurde: ICH kann so NICHT arbeiten! Das Durchstrukturieren und Bis-ins-kleinste-Detail-Planen hemmte meine Kreativität und Spontanität. Ich verlor mich in Dingen, die mich nicht weiterbrachten, sondern ausbremsten. Dieses Vorrauschauende, damit auf Seite 200 die Spannung anstieg, um auf Seite 235 wieder abzuflachen, war nicht meine Art, einen Roman zu schreiben. Solange ich versuchte, zu planen wie andere es tun und Fachbücher es einem raten, schrieb ich nicht eine brauchbare Seite. Ich verlor nicht nur kostbare Zeit, sondern auch den Überblick.
Erst als ich Ratgeber, Tabellen, Tagebücher und Notizen entsorgte und nicht mehr an Schreibregeln dachte, konnte ich mich in meine Geschichte fallen lassen. Wie bei meinem Erstling öffnete ich eine leere Seite im Worddokument auf meinem PC, bezeichnete diese als „Kapitel 1“ und begann aus dem Bauch heraus und chronologisch meine Geschichte niederzuschreiben.

Mein Romanfilm
Damals wie heute sehe ich meine Geschichten als fertigen Film vor meinem geistigen Auge. Ich weiß immer, wie meine Geschichte beginnt und wie sie enden soll. Den Mittelteil erarbeite ich mir, indem ich wie eine Kamerafrau durch eine Linse meinen Romanfilm betrachte und dabei von rechts nach links und von unten nach oben durchs Bild schwenke und so die Szene einfange. Ich lasse die Leserin, den Leser an allem teilhaben, was ich dort entdecke und versuche, es detailliert zu schildern. Dabei kann sich meine Kreativität frei entwickeln, sodass Figuren, Tiere oder Ereignisse in meinem Roman auftauchen, die für unerwartete Handlungen, Wendungen oder auch Konflikte sorgen.
Zu Beginn meiner Tätigkeit als Schriftstellerin traute ich mich kaum, meine Arbeitsweise preiszugeben. Inzwischen gehe ich selbstbewusst damit um, denn mein Erfolg gibt mir recht, zumal ich nur Longseller geschrieben habe, die teilweise bis in die siebte Auflage gegangen sind. Gerade ist mein elfter Roman bei Goldmann erschienen, außerdem habe ich eine zweiteilige Familiensaga, ein Hörspiel für einen Radiosender, ein Sagenbuch, ein Jugendbuch, einen Beitrag in einer Anthologie und in einem wissenschaftlichen Werk und mehrere Artikel verfasst. Erst vor Kurzem durfte ich zwei weitere Buchverträge unterschreiben.

Die Literaturagentur als Partner
Meine Geschäftsinteressen vertritt – seit dem Renteneintritt von Ingeborg Rose – die Literaturagentur Keil & Keil in Hamburg. Ihre Aufgabe ist es, für mich als Autorin das Bestmögliche (an Honorarstaffelungen, Garantiehonoraren, Marketingstrategien ...) bei den Verlagen auszuhandeln und den Überblick zu behalten. Agenturen vermitteln zwischen uns und dem Verlag, wenn wir zum Beispiel den Abgabetermin nicht halten können, wir mit der Arbeit der Lektorin unzufrieden sind, der Verlag seine Versprechungen bezüglich des Marketings nicht einhält oder aber auch, weil uns Cover oder Titel nicht gefallen.
Über die Jahre habe ich ein fast freundschaftliches Verhältnis zu meiner Agentin und auch zu den Mitarbeiterinnen und den Mitarbeitern meiner Verlage aufgebaut. Unsere erfolgreiche Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen, Respekt und Professionalität. Trotzdem bleiben Verlage und Agenturen Wirtschaftsunternehmen, die in erster Linie Umsatz machen wollen. Dadurch wächst der Wettbewerb und somit der Druck, besser als andere zu sein, um den eigenen Platz in der Buchbranche zu verteidigen. Auch dafür ist eine Literaturagentur wichtig: Sie weiß, was gefragt ist, und kann die Autorin, den Autor diesbezüglich leiten.

Die Zusammenarbeit mit dem Verlag
Seit elf Jahren schreibe ich für den Goldmann Verlag und kenne dort jeden persönlich, der für mich beziehungsweise meine Bücher zuständig ist. Meinen aktuellen Roman Die Farbe des Goldes hat Goldmann durch ein umfangreiches Marketingpaket beworben. Der Verlag hat zum Beispiel Rezensentinnen und Rezensenten für mich gesucht, ein Gewinnspiel für das Buch organisiert, bei Instagram, Facebook und Amazon besonders darauf aufmerksam gemacht. Dabei konnte ich eigene Ideen einbringen, die von meiner Lektorin und meiner Pressesprecherin umgesetzt wurden.  Zusätzlich koordiniert jemand vom Verlag meine Lesungen und kümmert sich um die Leseverträge, Leseplakate und Büchertische.
Trotzdem versuche auch ich durch meine Kontakte zur Presse und zu den Bloggerinnen und Bloggern, die ich mir im Laufe der Jahre aufgebaut habe, meine Bücher zu bewerben. Facebook, Instagram und Twitter sind wichtige Instrumente, um den Leserinnen und Leser meine Romane und meine Arbeit als Autorin näherzubringen. Hilfreich ist dafür auch meine Homepage.
Zwar bin ich oft stundenlang damit beschäftigt, Interviews zu geben oder Mails von Leserinnen und Lesern zu beantworten, Informationen zu posten oder meine Homepage zu pflegen. Dennoch sollte man diese Zeit investieren, denn nirgendwo sonst erreicht man so viele Menschen wie im Netz.

„Was habe ich heute eigentlich gemacht?
Das frage ich mich jeden Tag aufs Neue. Denn kaum ist ein Roman fertig, geht es an den nächsten, was mich als Autorin natürlich freut. Denn während ich für den nächsten Roman recherchiere, muss ich die Druckfahnen des letzten Romans lesen oder Bloggerinnen und Blogger über den Stand der Dinge informieren, Messetermine vereinbaren, Klappentexte schreiben …und dazwischen den normalen alltäglichen Wahnsinn erledigen.

Recherche
Ich liebe es, für meine Romane die Schauplätze zu besuchen und wie eine Archäologin in der Vergangenheit zu graben. Dabei durchsiebe ich keinen Sand, sondern Bücher, um besondere Geschichten zu finden, die noch nicht erzählt wurden. Dafür benötige ich ebenso viel Zeit wie zum Schreiben.
Damit die Leserinnen und Leser dem vertrauen können, was ich über die jeweilige Zeit schreibe, unterstützen mich renommierte Historiker. Professor Dr. Johannes Dillinger mit Lehrstuhl in Oxford hat über Hexenverfolgungen promoviert. Sein Wissen ist weltweit gefragt. Trotzdem nimmt er sich immer wieder Zeit, mich zu beraten.
Dr. Dieter Staerk besitzt eine private Bibliothek mit über 8.000 Fachbüchern. Egal über welches geschichtliche Thema ich schreibe, in diesem Pulk finde ich stets besondere Informationen, die ich in meine Romane einfließen lassen kann.
Professor Dr. Joachim Conrad ist Kirchenhistoriker. Der Glaube prägte die Menschen früher ungemein und bestimmte ihr Handeln und Denken. Vieles davon können wir heute nicht nachvollziehen. Umso wichtiger ist es, einen Berater zu haben, dessen Erklärungen man vertrauen kann.
Dank der jeweiligen Fachgebiete der Historiker erzählen meine Geschichten von historischen Figuren wie Wolfsbanner, Hexenkind, Magier oder Wechselbalg, die nur selten oder gar keine Beachtung in Romanen finden. Auch spielt das einfache Volk, über das es kaum Aufzeichnungen gibt, eine wichtige Rolle in meinen Geschichten. Durch die Informationen der Historiker kann ich die Nöte, die Ängste, die Hoffnungen dieser Menschen beschreiben, so wie sie damals tatsächlich gewesen sind.
„Sie haben gegenüber den Toten die Verpflichtung, einen korrekten Roman zu schreiben!“, erklärte Professor Dr. Johannes Dillinger bei unserem ersten Treffen.
Das ist für mich selbstverständlich und deshalb versuche ich, so genau wie möglich zu recherchieren.

Geschichten erzählen
Wenn Menschen erfahren, dass ich von Beruf Schriftstellerin bin, höre ich oft: „Ich schreibe demnächst auch ein Buch … In meinem Kopf ist die Geschichte schon fertig, ich muss sie nur noch aufschreiben.“
Viele stellen sich das Schreiben eines Romans einfach vor. Doch die Kunst besteht darin, die Gedanken so zu Papier zu bringen, dass sie eine Geschichte ergeben, durch die sich ein roter Faden schlängelt, dem die Leserin, der Leser folgen kann und will.
Manchmal passiert es sogar mir – trotz aller Erfahrung–, dass ich mich in Nebensächlichkeiten verliere, bis ich endlich zum Kern des Inhalts komme, obwohl in meinen Gedanken ein Satz gereicht hat. Mehrmals strukturiere ich die Sätze um, hänge Nebensätze an und streiche sie, sodass ich am Ende eines Arbeitstags nur eine brauchbare Seite geschrieben habe. Das passiert meistens dann, wenn der Abgabetermin in weiter Ferne liegt und ich Zeit habe, zu experimentieren. Rückt der Abgabetermin näher und näher, entsteht in mir ein Druck, der mir hilft, mich auf das Wesentliche zu fokussieren. Dann sitzt jedes Wort, jeder Satz, jede Zeile, die ich schreibe. Es ist, als ob man ein Ventil öffnet und die Geschichte aus mir herausströmt. In dieser Schreibphase wird die Nacht zum Tag und ich sitze 14 Stunden und länger am Schreibtisch. Sollte mein Kopf nach solch einem Schreibmarathon leergeschrieben sein, gehe ich mit meinem Hund spazieren oder ins CrossFit. Die Natur und der Sport helfen mir, durchzuatmen und den Kopf mit neuen Romansätzen zu füllen.

Erfolg
Seit 2006 sind von mir 15 Bücher bei renommierten Verlagen erschienen. Momentan schreibe ich an meinem zwölften Roman für Goldmann, der 2020 erscheinen wird. Für den Roman, der 2021 eingeplant ist, stehen schon das Cover und der Titel fest.
Weitere Buchideen existieren bereits, denn durch meine Recherchen finde ich immer wieder neue Stoffe, die es wert sind, in Romanform erzählt zu werden.
Vielleicht liegt mein Erfolg darin begründet, dass ich nichts erzwungen habe. Ich habe alles selbst bestimmt und ohne Druck geschrieben. In den vielen Jahren, in denen ich mein Manuskript immer wieder überarbeitet habe, konnte das Handwerk in mir reifen. Ich fand meinen eigenen Erzählstil, meine eigene Art, einen Roman zu erarbeiten. Misserfolg ist oft auch der Ungeduld geschuldet. Kaum ist das Manuskript beendet, soll es auf den Markt. Doch ein Manuskript sollte sich ebenso wie seine Autorin oder sein Autor entwickeln. Dafür braucht man mal mehr, mal weniger Zeit. Vor allem muss man mit dem zufrieden sein, was man schreibt.
Vor 27 Jahren legte ich unbewusst mit dem ersten Wort von Fliegen wie ein Vogel den Grundstein für meinen Beruf. Damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, Schriftstellerin zu werden. Umso schöner, dass ich es geworden bin.
 

Linktipps:
herzgedanke.de/tag/deana-zinsmeister
chilly-online.de/category/entertainment/deana-zinssmeister-interview-mit-einer-saarlaendischen-romanautorin

Autorin: Deana Zinßmeister | deana-zinssmeister.de | [email protected]
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 139, Dezember 2019
Blogbild: Deana Zinßmeister

 

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Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 139, Dezember 2019: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-62019
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