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Das Meraner Stipendium

Federwelt
Jan Decker
Das Meraner Stipendium

„So großzügig ist das ‚Meraner Stipendium‘ keineswegs“
Leonhard F. Seidl im Gespräch mit Jan Decker

JAN DECKER: Du warst wie ich Writer in Residence der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran. Ich beschreibe in meinem Artikel ja, dass mir dieses Stipendium eigentlich rundum gefallen hat. Du warst damit nicht so zufrieden – warum genau?

LEONHARD F. SEIDL: Es waren mehr organisatorische Aspekte, die mich störten. So wurden gegen meinen Vater, der zur gleichen Zeit Stipendiat war, unberechtigte Vorwürfe geäußert. Außerdem finde ich es schräg, dass die Tochter des Begründers der Gesellschaft, die das Stipendium begründet hat, Verwalterin des Stipendiums ist und selbst Stipendiatin war. Mir wurde auch vorgehalten, warum ich mich über gewisse Dinge beschweren würde, obwohl das Stipendium doch so großzügig sei. Das ist es allerdings keineswegs. Es gab weder einen Reisekostenzuschuss noch einen (monatlichen oder einmaligen) Zuschuss, wie bei den meisten Stipendien üblich.

Bei alldem: Gab es auch etwas Gutes am Meraner Stipendium?

(Lacht.) Erstmals habe ich erlebt, wenn auch unbewusst, dass eine Roman-Sequenz gesponsert wurde. Da das Stipendium beziehungsweise die Gesellschaft, die es verwaltet, von dem gleichen Menschen wie die zweitgrößte Schweizer Sterbehilfeorganisation gegründet wurde, gibt es nun eine Sterbehilfe-Sequenz im Roman. Zudem waren das Zimmer, Meran und die Menschen vor Ort wunderprächtig. Ich habe im Oktober erst wieder beim Literaturfestival Sprachspiele in Meran aus meinem aktuellen Kriminalroman Fronten gelesen, für den ich das Stipendium erhalten habe. Dieser Auftritt resultierte auch aus meiner Lesung und den Kontakten damals.

Und bei mir gibt es ein ganzes Sterbehilfe-Hörspiel, Winterswijk, das durch diese Meran-Connection mit inspiriert wurde. Stipendien sind also nicht folgenlos. Aber was würdest du anderen AutorInnen raten: Worauf sollten sie achten, wenn sie sich für ein Stipendium bewerben?

In erster Linie ist es wichtig, sich zu überlegen, ob eine Chance besteht, das Stipendium zu erhalten. Wenn ich mich als Anfänger für ein Stipendium bewerbe, bei dem das Lebenswerk ausgezeichnet wird, ist das natürlich nicht zielführend. Wichtig ist auch, ob es in meiner derzeitigen Lebenssituation gut umsetzbar ist. Und zu guter Letzt sollte es vor allem dem aktuellen Schreibprojekt dienen. Man kann sich da schnell zerfasern, da viele Genres interessant erscheinen. Aber wenn ich gerade an einem Roman schreibe, sollte ich mich beispielsweise für eine Romanwerkstatt bewerben. Sehr hilfreich fand ich die Romanwerkstatt im Berliner Brecht-Haus, gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, mit Michael Wildenhain.

Wie bewertest du die deutsche Stipendienlandschaft generell und warum?

Vor allem ausländische AutorInnen schwärmen immer wieder von der deutschen Stipendienlandschaft. Allerdings gibt es meines Erachtens einige Einschränkungen. So sind diese beispielsweise mehrheitlich auf „E-Literatur“ ausgerichtet. Als Krimiautor fällt man da automatisch durch, egal wie literarisch die eigene Schreibe ist. Und gerade bei meinem aktuellen Roman wurde mir mehrfach bescheinigt, er sei sehr literarisch. Nichtsdestotrotz werde ich weniger Chancen haben als KollegInnen, die etwa einen Familienroman schreiben, da das Krimigenre immer noch mit einem Makel behaftet ist. Wozu es überhaupt keinen Grund gibt, wie Zoë Beck oder Friedrich Ani beweisen. Außerdem ist für viele Stipendien ab dem Alter von circa 35 Schluss. Ich kann verstehen, dass junge AutorInnen gefördert werden sollen, aber gerade die über 35 benötigen Unterstützung, aufgrund ihrer häufig prekären Lebenssituation, und haben oft auch mehr zu erzählen.

Und wie gewinne ich ein Stipendium am besten?

Indem ich es sorgfältig angehe, schon alleine die Form betreffend mich an die Vorgaben halte. Den Text, mit dem ich mich bewerbe, eine Weile gären lasse, mehrfach überarbeite, mich mit KollegInnen und FreundInnen darüber austausche. Die frischverliebte Freundin oder der Freund ist da weniger hilfreich, da die rosa Brille meist nicht sonderlich objektiv ist. Und natürlich, indem ich mich zielgenau bewerbe: Prosatexte für Prosastipendien, Jugendbuchmanuskripte für Jugendbuchstipendien.

Was ich oft gefragt werde, auch von meinen Studenten: Was bringt ein Stipendium? Was würdest du dazu sagen?

In erster Linie bringt ein Stipendium Zeit. Sei es in finanzieller Form, weshalb ich weniger Lesungen halten oder anderweitig Geld verdienen muss, oder weil es mir einen Freiraum bietet, in dem ich ungestört arbeiten kann. Und gelungene Texte brauchen Zeit. Falls es sich um eine Werkstatt handelt, bietet es einen unbezahlbaren Erfahrungsschatz und Rückmeldungen durch den Leiter, die Leiterin und die KollegInnen. Denn ohne Austausch keine ansprechende Literatur und vor allem kein Vorwärtskommen.

Und was kostet ein Stipendium? Also was sind für dich mögliche Kosten und Nachteile?

Im Falle von Meran die Reisekosten und leider auch noch Nerven. Ansonsten muss man sich eventuell Urlaub nehmen und auf den neuen Ort einstellen, was aber nicht sonderlich problematisch sein muss, wenn man jung und flexibel ist. Zweiteres sollte man als SchriftstellerIn ja durchaus sein.

Letzte Frage: Für wen ist ein Stipendium was, für wen eher nichts?

Als Krimiautor sollte man sich nicht für die Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin bewerben. Und wenn jemand denkt, Schreiben habe irgendetwas mit Genie-Sein zu tun, dann wird ihm eine Werkstatt nur blaue Flecken bringen. Werkstätten sind etwas für Menschen, die weiterkommen wollen. Ohne meine drei Stipendien, die ich für Fronten erhalten habe, wäre er nicht so gelungen, wie mir etliche Kritiken bestätigen. Und vor allem haben sie mich in meiner Entwicklung als Schriftsteller enorm weitergebracht.

Autorin: Jan Decker | www.decker-jan.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 127, Dezember 2017
Foto: Katrin Heim

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