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Buchverkäufe und Autorenhonorare im Sinkflug

Federwelt
Maxi Musterautorin
Autorenhonorare im Sinkflug

Eigentlich gehen sie mir auf die Nerven, diese Menschen, die immer nur jammern und behaupten, dass früher alles besser war: die Musik, das Fernsehen, die Leute in der Politik.
Denn wie wahr sind diese Behauptungen eigentlich? Sind sie nachprüfbar?

Im Bereich des Buchhandels auf jeden Fall. 2012 gingen 399 Millionen Bücher über den Ladentisch, 2017 waren es 367 Millionen. Und kauften 2012 noch 36,9 Millionen Menschen in Deutschland Bücher, taten das 2017 nur 29,6 Millionen. (Quelle: www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Buchkäufer_quo_vadis_Bericht_Juni_2018_Kernergebnisse.pdf) Macht einen Rückgang von 7,3 Millionen. Das Börsenblatt schrieb in einem Artikel allerdings: „Die absolute Zahl an Buchabwanderern ist sogar noch deutlich höher: 8,9 Millionen Kunden, die 2014 und 2015 noch mindestens ein Buch gekauft hatten, kauften 2016 keines mehr.“ (Quelle: www.boersenblatt.net/artikel-studie_des_boersenvereins.1422566.html)
 
Auch wenn ich mir Zahlen nicht gut merken kann: Auf meinem Konto manifestiert sich das Gefühl, dass ich noch vor ein paar Jahren weniger Romane im Jahr geschrieben, aber mehr Exemplare verkauft habe, keine nennenswerten Rückläufer hatte und insgesamt besser verdiente. Geht es anderen Autorinnen und Autoren auch so?
Ich habe mich umgehört, auch meinen Agenten und eine Pressereferentin um ihre Eindrücke gebeten. Verständlicherweise wollte kaum eineR von ihnen namentlich genannt werden, hier die erhellenden Antworten:
 
Eine Autorin: Mal ein paar reelle Zahlen gefällig? Erhielt ich früher 30.000 Euro Vorschuss für einen neuen Roman, bin ich heute froh, wenn ich 15.000 bekomme. Ich schreibe schneller, habe diverse Pseudonyme. Statt einem Jahr brauche ich nur noch sechs Monate, um einen Roman von 400 Seiten fertigzustellen. Für manche Genres auch nur drei. Geht auch, aber besser werden die Bücher dadurch nicht.
 
Eine Autorin: Die Ideen für die Pressearbeit muss man inzwischen selbst liefern und am besten auch noch 80.000 Follower in den sozialen Netzwerken. Da könnte man eigentlich auch gleich Selfpublisher werden.
 
Ein Autor: Vor ein paar Jahren bekam ich bei jedem Buch extra entworfene Plakate und sogar Postkarten für den Buchhandel. Heute kann ich froh sein, wenn der Verlag mich bei Amazon richtig reinstellt.
 
Eine Autorin: Ein Knaller sind auch die Honorarangebote. Die sind zunächst so niedrig angesetzt, dass man sie mit Hilfe einer Agentur häufig problemlos mehr als verdreifachen kann. Aber was für eine Einstellung steckt hinter solchen Dumping-Angeboten? Will man sehen, wie verzweifelt eine Autorin, ein Autor ist? Oder kriegen die Verlagsmitarbeiter neuerdings Prämien, wenn sie mit ihren Hungerlöhnen durchkommen?
 
Corinna Schindler, Pressereferentin Verlagsbereich: Wenn ich vor 25 Jahren ein Thema den Medien angeboten habe, wusste ich ziemlich genau, wer es nehmen wird, wer es größer, wer kleiner und wer gar nicht publiziert. Ich lag meistens richtig. Heute gilt das nicht mehr. Einerseits suchen Medien stets nach News, um sich vom Wettbewerb abzuheben. Andererseits schließen sich Redaktionen in Netzwerken zusammen und in großen Verlagen werden Redaktionspools für Themenschwerpunkte wie Gesundheit gegründet. Mit Artikeln oder Interviews bestücken diese dann meist alle für das Produkt relevanten Medien des Hauses. Also – einheitliche, umfassende Vermarktung einer Geschichte. Habe ich diese Geschichte den Medien vorgeschlagen, ist das natürlich toll. Wenn nicht, ist der Platz durch diese Geschichte in vielen Medien belegt und ich kann nicht punkten. Auch nicht mit einer tollen anderen Geschichte. Zudem teilen sich heute Buch-, Musik-, Film- und DVD-Tipps den besonders im Printbereich knapp bemessenen Platz. Und klar, bei über 70.000 Neuerscheinungen jährlich in Deutschland kann medial nur ein Bruchteil stattfinden. Eines aber geht im Großen und Ganzen immer: Promis.
 
Eine Autorin: Auf Leserunden habe ich im Gegensatz zu früher keine große Lust mehr. Die Leser dort sind zum Teil geradezu unverschämt geworden und die meisten interessieren sich gar nicht für eine Diskussion. Sie leiern nur den Inhalt des jeweiligen Abschnitts runter. Und ich glaube auch nicht mehr an den Werbeeffekt solcher Aktionen. Diejenigen, die das Buch nicht kriegen, kaufen es sich nicht, sondern versuchen es bei einer anderen Leserunde.
 
Beate Rygiert, Autorin: Früher war mehr Lametta? Kann ich so nicht unterschreiben. Bin seit 20 Jahren auf dem „Markt“. Früher wurde man, wenn man Glück hatte, mehr hofiert, beziehungsweise man bekam mehr das Gefühl vermittelt, wichtig zu sein. De facto hat die Verlagswelt lange im Dornröschenschlaf verbracht und Wichtiges versäumt. Unter anderem die breite Leserschaft verloren oder nie gewonnen. Der Verleger eines großen Verlags hat vor Jahren sinngemäß geäußert, wenn er von einem Hardcover 2000 Bücher verkauft, ist das für ihn gut. Ich finde: Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das aber unklug. Vor allem für den Autor. Irgendwann hatten sie alle diese „bösen“ :-) Unternehmensberater im Haus und das Erwachen war noch böser. Für mich ist Schreiben nicht mit Lametta und Glamour verbunden. Das war es in Deutschland seit Ingeborg Bachmann sowieso nie.
 
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Autorin: Maxi Musterautorin
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 135, April 2019
Foto: Carola Vogt und Peter Boerboom

 

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