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Bestsellerautor Peter Prange im Gespräch mit Theda Schmidt

Federwelt
Theda Schmidt
Bestsellerautor Peter Prange im Gespräch mit Theda Schmidt

Europa ist sein Thema! Hier spricht er über seine Weltenbauer-Dekalogie, die nie so geplant war, das Planen, Recherchieren, Schreiben und Twittern.

Lässt „europäische Geistesgeschichte“ Sie an Bestseller denken? Nein? Dann haben Sie noch kein Buch von Peter Prange gelesen! Er zeigt große geistesgeschichtliche Ideen und Entwicklungen Europas in spannenden Romanen. Und die sind allesamt Bestseller geworden. Sein Motto: komplizierte Zusammenhänge einfach darstellen, ohne simpel zu werden. Das gilt auch für sein Sachbuch „Werte – Von Plato bis Pop. Alles, was uns verbindet“, das Angela Merkel im Europäischen Parlament zitiert hat. Sogar im Ausland hat der Bestsellerautor sich einen Namen gemacht: Seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt, die internationale Gesamtauflage liegt bei 2,5 Millionen Exemplaren. Für die Federwelt gibt Peter Prange Einblick in sein Schreiben.

Federwelt: Herr Dr. Prange, wollten Sie immer schon Autor werden?
Dezidiert NEIN. Als ich anfing zu übersetzen, arbeitete ich sehr nah am Text und merkte, wie viel Unsinn geschrieben wird. Da habe ich mir vorgenommen: lieber gute Bücher übersetzen, als schlechte zu schreiben. Ich dachte, ich hätte nichts mitzuteilen.

Und wie kam es dann doch dazu?
Es gab eine Ursituation: Am 19. August 1989 brachte das heute-journal Bilder der DDR-Bürger, die in Ungarn durch den Zaun gingen. In diesem Moment hatte ich die Idee, den Grundriss zu einer Geschichte, wie ich sie selbst gern gelesen hätte: Die Geschichte des geteilten und wiedervereinten Deutschland am Beispiel einer Familie. Und daraus wurde Das Bernstein-Amulett.

Das Buch wurde bald erfolgreich und sogar verfilmt.
Ganz so schnell ging es nicht. Durch Vermittlung meines Agenten, Roman Hocke, war das ZDF zwar stark an dem Stoff interessiert. Die dachten jedoch eher an eine Dokumentation im Sinne von illustrierter Geschichte. Ich hingegen wollte auf lebendige Weise zeigen, wie diese großen historischen Umwälzungen in das Leben der Menschen hineingewirkt haben, zerstörend für die eigenen Lebenspläne, manchmal aber auch fördernd. Über der Diskrepanz der Vorstellungen platzte das Projekt zunächst. Doch die Idee war einfach nicht kaputt zu kriegen. Und nachdem ich einige Jahre ganz andere Dinge gemacht hatte, passierte es, dass ich in einem Beratungsbuch schrieb: Das Leben ist zu kurz, um es mit Geldverdienen zu verplempern. Man sollte nur Dinge tun, die man mit heißem Herzen tut. Da wurde mir klar, dass ich Wein predigte und selbst Wasser schlürfte. Ich hatte doch eine Idee! Also nahm ich mir ein Jahr Auszeit und schrieb dieses Buch. Und das wurde dann – nicht sofort, aber um ein paar Ecken – sehr erfolgreich, sodass ich seitdem vom Schreiben leben kann.

Wie ging es nach der spontanen Idee zum Bernstein-Amulett weiter?
Die Ursprungsidee war eine Augenblickseingebung. Sie kam, als ich überhaupt nicht damit rechnete. Das geht mir bei allen Büchern so. Danach folgt immer ein Wechselspiel zwischen Recherche und Imagination. Und dann, in der Konkretion, entwickelt sich langsam eine fiktive Geschichte. Die muss ich dann auf ihren realistischen Gehalt hin abklopfen: Hätte sich diese Geschichte so entfalten können, in einer so und so gestalteten historischen Wirklichkeit? Ich schreibe ja nicht in Disney World, das Leben der Protagonisten ist eingebettet in eine historische Realität.

Das erfordert Recherche. Wie und wo recherchieren Sie? Fahren Sie an die Handlungsorte Ihrer Romane?
Ja, klar, ich fahre an die Orte. Aber vor allem recherchiere ich in den guten Bibliotheken Tübingens. Ich kenne in Tübingen inzwischen viele Professoren und werde für spezielle Fragen von einem zum anderen weitergereicht. In den Danksagungen meiner Bücher ist immer die halbe Universität aufgeführt.

Geht bei so intensiver Recherche nicht die Inspiration durch die zündende Idee verloren?
Die wichtigste Recherche findet in mir selbst statt. Im Dunkel meiner Seele muss ich Korrespondenzen der Figuren mit mir selbst finden. Auch bei historischen Personen muss etwas in mir mitklingen. Sonst kann ich mich zu Tode recherchieren, dann bleiben das Pappkameraden. Durch äußere Ereignisse zündet etwas in mir, aber die Sache muss auch mit mir selbst zu tun haben.

Und wie gehen Sie um mit dem Verhältnis Historie – Fiktion? Sicher müssen Sie manches erfinden.
Das Entscheidende muss ich erfinden! Was ich recherchiere und versuche, so detailgetreu wie möglich wiederzugeben, sind historische Gegebenheiten. Aber was historische Persönlichkeiten dachten, fühlten oder wonach sie sich sehnten, ist ja meist nicht überliefert. Natürlich muss man erfinden! Aber so, dass es historisch plausibel ist.

Haben Sie ein Beispiel?
Die Schlusspointe meines Romans Die Principessa ist folgende: Die Idee zum Bau der Piazza von St. Peter, wurde von Bernini ausgeführt, stammte jedoch ursprünglich von seinem ärgsten Rivalen Borromini. Das ist historisch aller Wahrscheinlichkeit nach falsch. Trotzdem ist es eine Überhöhung der historischen Wirklichkeit insofern, als Bernini tatsächlich viele Ideen von Borromini geklaut hat. Borromini, der Michelangelo der Armen, musste immer mit kleinen Budgets arbeiten und wurde für seine gewagten, oft revolutionären Ideen verlacht. Adaptierte jedoch Bernini eine von Borrominis Ideen, wurde er von Päpsten und Kardinälen gefeiert und fürstlich entlohnt. Insofern ist also diese Geschichtsfälschung eine Verdeutlichung der historischen Wahrheit. Ansonsten gilt, dass ich keine historischen Daten verändere. Und als Serviceleistung für meine Leser ist jedem meiner Bücher hinten ein Kapitel „Dichtung und Wahrheit“ beigefügt. Dort führe ich transparent aus, wie alle in meinem Roman erwähnten Ereignisse nach aktuellem Stand der Forschung dokumentiert sind.

Hat das Historische auch Einfluss auf die Sprache?
Ich arbeite nur mit ganz leichten Anlehnungen an den jeweiligen Geist, zum Beispiel, ob sich die Menschen damals siezten oder ihrzten. Natürlich vermeide ich Modernismen, verwende ab und zu ein vermögen statt können. Aber damit gehe ich behutsam um.

Wie sehr planen Sie?
Es gibt drei große Schritte: zuerst die Idee. Zweitens das Wechselspiel von Recherche und Imagination. Da entwickle ich die Handlung meiner Protagonisten fort, klopfe sie immer wieder auf ihre historische Plausibilität ab. So entsteht langsam ein Konzept. Dieses Grundgerüst ist dramaturgisch gestaltet: Exposition, Wendepunkte, Entwicklungsstufen der Protagonisten, ihre Beziehungen untereinander, bis hin zur Auflösung, alles ist enthalten.

Halten Sie sich an dieses Konzept oder verändert es sich im Laufe des Schreibens?
Es verändert sich. Aber es gibt mir eine gewisse Sicherheit. Meine Romane umfassen 500 Seiten und mehr, Geschichten, die sich über Jahre, Jahrzehnte erstrecken. Da will ich wissen, wo ich ankomme. Im vierten Schritt dann, dem eigentlichen Schreiben, lasse ich mich ganz tief in meine Figuren hineinfallen. Dabei entsteht häufig etwas Irritierendes, Beängstigendes: Ich gerate psychologisch in Kollision zu dem, was ich dramaturgisch entwickelt habe. Das kann meine Figur gar nicht tun, es widerspricht ihr! Dann muss ich mir etwas Neues einfallen lassen aus dem Wesen meiner Figur heraus.

Ändern Sie das Konzept dann ab?
Ja. Es entsteht eine Eigendynamik, die zwar nicht völlig weggeht von dem Konzept, aber andere Wege geht. Bis ich an eine Stelle gelange, wo es wieder so weiterläuft, wie konzipiert. Das ist beim Romanschreiben die größte Kunst überhaupt: die Integration von Dramaturgie und Psychologie.

Schreiben Sie ein Exposé für die Protagonisten?
Ich nenne das ganz altmodisch Dramatis Personae. Im Drehbuchbereich spricht man von Psychogramm. Ich notiere mir Dinge wie äußere Erscheinung, mögliche Ticks, Ängste, Gebrechen, Traumata, damit ich diese Figuren möglichst kenne wie persönliche Bekannte.

Aus welcher Perspektive schreiben Sie?
Ich schreibe multiperspektivisch. Erzähle ein Kapitel immer ganz aus der Sicht einer Person, und zwar der Person, für die jetzt das Entscheidende passiert. Sie ist nicht die treibende Kraft, sondern die, der etwas entgegenwirkt. Ein kleiner Handlungsbogen: Eine Person ist unterwegs, um X zu erreichen, und – bums! – kommt etwas dazwischen. Das, was im Großen passiert, muss auch ...

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Autorin: Theda Schmidt
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 128, Februar 2018
Foto: FISCHER Scherz

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