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Mehr als eine gute Marketingidee: Crowdfinding

der selfpublisher
Stephan Waldscheidt

Mehr als eine gute Marketing-Idee: Crowdfinding – Oder: Wie Sie Ihre LeserInnen Fehler finden lassen
Von Stephan Waldscheidt
Die eigenen Bücher und die Marke „Autorenname“ immer und immer wieder potenziellen Lesern vorzustellen, ist vor allem für Selfpublisher ein Muss. Das macht sehr viel Arbeit oder es kostet Geld. Hier zeige ich Ihnen, wie Sie Geld sparen – und Arbeit. Magie? Genau. Der Zauberspruch: „Haben Sie gute Ideen!“

 

Die Herausforderung

Die Käufergruppe für die meisten selbstpublizierten Bücher ist überschaubar. Die Gruppe schrumpft weiter, wenn Sie für ein Nischenpublikum schreiben, seien es exotische Genres oder hochspezielle Sachbücher. Womit wir bei einem meiner Autorenratgeber wären: „KLÜGER PUBLIZIEREN für Verlagsautoren und Selfpublisher: So veröffentlichen Sie Ihr Buch erfolgreich im Verlag oder Selfpublishing und treffen die besten Entscheidungen für Ihre Karriere als Autor“. Als erfahrener Selfpublisher mit zehn publizierten Büchern hatte ich eine Vorstellung, was ich mit dem Buch an Umsatz erwarten durfte: weniger als 1.000 Euro im Jahr.

Weitere Erschwernisse:

  • Der Wunsch, meinen Leserinnen und Lesern ein weitgehend fehlerfreies Produkt anzubieten.
  • Der enorme Buchumfang von 509 Seiten als E-Book laut Amazon beziehungsweise von 396 Seiten als Paperback. (Ich wollte mit dem Buch einen Gesamtüberblick geben, weshalb mir eine Aufsplittung auf mehrere Bände nicht sinnvoll erschien.)
  • Die Preissensibilität der E-Book-Käufer.
  • Das Tantiemen-Konzept von KDP: KDP zahlt Tantiemen von 70 Prozent nur bis zu einem Preis von 9,99 Euro, darüber 35 Prozent. Sprich: Mehr als 9,99 Euro durfte das Buch nicht kosten.
  • Wegen des Umfangs musste ich für ein Korrektorat mindestens 1.500 Euro einplanen.
  • Einen guten Korrektor zu finden, kostet Zeit. Ob er oder sie gut ist, weiß man oft erst, wenn es zu spät ist.
  • Der Buchverkauf würde die Kosten für ein Korrektorat in absehbarer Zeit nicht einspielen.

Was also tun? – Die Idee

Zunächst dachte ich an Crowdfunding, die Finanzierung von Projekten mit Hilfe von Kapitalgebern aus dem Web (startnext.de etwa oder, speziell für Bücher, 100fans.de). Angesichts der kleinen Zielgruppe für Autorenratgeber machte ich mir jedoch keine Hoffnung, mit Crowdfunding allein genug Geld für eine Publikation einzunehmen. Hinzu käme der Aufwand, das Funding zu managen.

Dann erinnerte ich mich an eine treue Leserin, die mir bei einem Buch unaufgefordert eine Fehlerliste zugemailt hatte.

Was, wenn ich mich beim Finden von Fehlern in Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik statt auf einen Korrektor auf das Know-how vieler Leserinnen und Leser verlassen würde? „Crowdfinding“ war geboren.

Trotz vieler treuer Leser und Fans blieb die Sache ein Wagnis. Was, wenn sich niemand beteiligen oder mir das Crowdfinding mehr Kritik als Nutzen bringen würde?

Die Umsetzung – Herausforderungen:

  • Wie sollte ich die Leserinnen und Leser zum Mitmachen und Fehlerfinden animieren?
  • Wie konnte ich den Begriff „Crowdfinding“ positiv darstellen?
  • Wo, wann und in welcher Form würde ich zum Crowdfinding auffordern?

Ich entschied mich für ein eigenes Kapitel im Buch, in dem ich die Idee darlegte. Das Kapitel als PDF finden Sie hier: http://j.mp/20b23PU

Die größte Schwierigkeit war, den richtigen Anreiz für die Leserinnen und Leser zu finden. Geld kann funktionieren, kann aber auch eine negative Wirkung entfalten („Wir tun es für Geld, also tun wir es unfreiwillig und ungern.“)

Ich entschied mich für eine einfache und einfach zu kommunizierende Variante: Jeder gefundene Fehler war mir einen Euro wert – in Form eines Gutscheins bei Amazon. Außerdem wollte ich den Top-Crowdfinder eigens belohnen, mit der Möglichkeit, im Buch zu werben oder interviewt zu werden.

Einschränkungen:

  • Nur der erhielt einen Gutschein, der mir einen Fehler zuerst meldete. So vermied ich, für denselben Fehler mehrmals zahlen zu müssen.
  • Ich allein würde entscheiden, was als Fehler galt. So vermied ich zeitraubende Diskussionen. Sie wissen ja um die Unklarheiten und Mehrdeutigkeiten unserer Sprache. Im Zweifel entschied ich kulant. – Ich wollte Leser zu treuen Lesern machen und sie nicht verlieren.
  • Ich wählte einen Amazon-Gutschein, weil dort eine beliebig kleine Stückelung möglich ist, die meisten Leserinnen und Leser dort Kunde sind und auf das breiteste Angebot zugreifen können.

Das Ergebnis

Fünf Crowdfinder schickten mir ihre Funde in den ersten drei Wochen nach Erscheinen des Buchs. Eine Leserin wog die niedrige Beteiligung mehr als auf. Alexandra allein fand 70 Prozent der Fehler.

Insgesamt blieb ich schon vor dem Crowdfinding klar innerhalb der unter Korrektoren verbreiteten Richtlinie von höchstens einem Fehler alle vier Seiten. Mit Hilfe der Crowdfinder konnte ich sogar noch deutlich unter dieser Grenze bleiben.

Top-Crowdfinderin Alexandra verzichtete großzügig auf ihren verdienten Lohn und regte an, das Geld zu spenden. Tolle Idee. Ich rundete den Betrag auf 100 Euro auf und spendete ihn dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, der mir der ideale Empfänger zu sein schien (www.alphabetisierung.de). Was wären wir Autoren ohne Menschen, die lesen können?

Mein Fazit vier Monate nach Erscheinen: ein Erfolg!

Bislang kostete mich das Crowdfinding etwa 130 Euro – ein Korrektorat wäre kaum effektiver gewesen, hätte aber das Zehn- oder Zwanzigfache gekostet. Geld, das ich – wie erwartet – mit dem Buchverkauf nicht wieder hereingeholt hätte.

Zwar hat mir das Crowdfinding mehr Aufwand verursacht als ein professionelles Korrektorat. Dafür habe ich die Zeit gespart, die mich das Finden eines Korrektors und die Kommunikation mit ihr oder ihm gekostet hätte. Die Beteiligung von Lesern macht diese zu treuen Lesern. Zudem hatte ich in den sozialen Netzwerken etwas zu berichten, Crowdfinding und Spende besaßen Neuigkeitswert. Nicht zuletzt konnte ich diesen Artikel für den selfpublisher schreiben, der Aufmerksamkeit auf die Aktion, auf das Buch und auf mich als Autor lenkt – wichtige Aspekte für Selfpublisher, die auch für die Publicity selbst sorgen müssen.

Negatives Feedback bekam ich nicht. Warum auch? Dank Crowdfinding konnte ich die mir gemeldeten Fehler stets sofort beheben und die korrigierte Fassung online stellen. Die Leserinnen und Leser profitierten.

Crowdfinding wird es auch in künftigen Büchern von mir geben, verbunden mit der Hoffnung an Gewöhnung der Leserinnen und Leser, eine höhere Beteiligung und noch weniger Fehler.

Crowdfinding – für Sie und Ihre Bücher?

Ich hoffe, dass weitere Selfpublisher Crowdfinding für sich entdecken. Je häufiger Leser darauf stoßen, desto höher die Akzeptanz und Bereitschaft, selbst ein Teil der Fehlerfinde-Crowd zu werden.

Diese Bedingungen machen Crowdfinding für Ihr Buch sinnvoll(er):

  • Sie schreiben ein Sachbuch oder einen Ratgeber. Bei Belletristik reißt das Crowdfinding den Leser aus der Geschichte;
  • Sie stehen mit Rechtschreibung und Grammatik nicht auf dem Kriegsfuß;
  • Sie sind bereit, härter zu arbeiten, um das fehlende Korrektorat zum Teil wettzumachen, gefundene Fehler rasch zu korrigieren und das Update zu publizieren;
  • Sie haben einige Bücher veröffentlicht und sich eine Leserschaft erschrieben;
  • Sie haben gute Ideen und die Mittel, das Crowdfinding adäquat zu honorieren;
  • Sie haben die Möglichkeit, das Crowdfinding jenseits des Buchs als PR-Mittel einzusetzen, etwa auf Ihrer Facebook-Seite.

Ihre Ideen jenseits von Crowdfinding – Anregungen

Müssen Sie die Crowdfinder bezahlen? Wie wäre es mit einem Spendenaufruf statt Bezahlung? Oder mit einem Geschenk, das zu Ihrem Buch passt? Mit einem Fantreffen via Skype? Könnten Sie sich mit anderen Autoren zu einem Crowdfinding-Netzwerk zusammentun? Was könnte die Crowd jenseits vom Fehlerfinden für Ihr Buch Gutes tun? Vielleicht Ideen für Ihr nächstes Buch generieren? Es weiter empfehlen? – Wie erhalten Sie durch Ihre Aktion treue Leser?

Mehr Ideen? Schreiben Sie mir: [email protected].

 

Autor: Stephan Waldscheidt | www.schriftzeit.de
In: der selfpublisher, Heft 1, März 2016