Sie sind hier

Suchformular

Bücher einkaufen und verkaufen, der stationäre Buchhandel packt aus

Federwelt
Daniela Nagel
Buchhandelswissen für Autoren

Was AutorInnen über den Buchhandel wissen sollten, verraten ein Buchhändler von »Bücher Pustet« und zwei Buchhändlerinnen von der »Rather Bücherstube« im Gespräch mit Daniela Nagel.

Immer weniger Menschen kaufen Bücher. Wie kommt man als Buchhändlerin da über die Runden? Wie sieht der Alltag eines Buchhändlers aus? Nach welchen Kriterien wählt eine stationäre Buchhandlung ihre Bücher aus? Inwieweit ist der Erfolg eines Buches von seiner Platzierung in den Geschäften abhängig? Lässt sich mit Büchern unter zehn Euro überhaupt noch was verdienen?
All das und mehr hat unsere Autorin Daniela Nagel erfragt. Geantwortet haben: Angelika Jüttner von der Rather Bücherstube und Michael Henkel und Simone Mayrhofer von Bücher Pustet.

Konnten Sie in den letzten Jahren Veränderungen im Buchhandel erleben?

Angelika Jüttner: Seit gut zwei Jahren merken auch wir das veränderte Einkaufsverhalten der Kunden. E-Books und Internethandel spielen eine immer größere Rolle, in unserem Vorort gibt es immer weniger Geschäfte. Die Kundenfrequenz ist seit Jahren rückläufig.
Belletristik kaufen wir mittlerweile in weit geringeren Stückzahlen ein als noch vor ein paar Jahren. Dagegen spielen sogenannte Nonbooks wie Geschenkartikel, Papeterie oder Spiele eine immer größere Rolle. Das ist wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass es im Ort keinen Spielwaren- oder Geschenkeladen mehr gibt.

Was uns außerdem zu schaffen macht, sind die viel zu niedrigen Buchpreise!

Seit der Euro-Einführung sind Gehälter, Mieten, Nebenkosten um 25 bis 29 Prozent gestiegen. Der durchschnittliche Buchpreis ist dagegen um 2,7 Prozent gesunken. Bedenkt man dazu, dass eben auch weniger Bücher verkauft werden, kann man sich ja ausrechnen, dass die Fixkosten nicht mehr gedeckt werden können. Die Verlage haben über fünfzehn Jahre lang die Preiserhöhung verschlafen und sind auch jetzt nur in Ausnahmen bereit, zum Beispiel die Zehn-Euro-Grenze für Taschenbücher zu überschreiten.
Höhere Buchpreise sind letztendlich auch im Interesse von Autorinnen und Übersetzern.

Michael Henkel: Von 2013 bis 2017 ist die Gruppe der Leser laut einer Studie vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels leider um 6,4 Millionen geschrumpft. [...] Gerade bei den Jüngeren ist das Lesen durch Konsum anderer Medien abgelöst worden. Zum Glück gibt es immer noch exzessive Leser, die sich bewusst auch mal aus der Online-Welt ausklinken und sogar noch mehr Geld in Bücher investieren als früher. Aber auch die können die Rückgänge nicht auffangen. Den klassischen Bildungsbürger, der zu Hause eine Handbibliothek pflegt, gibt es ebenfalls kaum noch.
Seit Jahren versuchen wir, den Service noch weiter zu verbessern, noch mehr Veranstaltungen anzubieten, noch mehr Kooperationen zu starten, doch unter dem Strich ist das vergeblich. Andererseits wäre der Rückwärtstrend vielleicht noch stärker gewesen, wenn wir so weitergemacht hätten wie vor zwanzig Jahren.
Auch in unserem Sortiment spiegelt sich eine gesellschaftliche Veränderung wieder. Ich erinnere mich, dass wir in einer Filiale mal dreißig laufende Meter medizinische Fachbücher vorrätig hatten, heute sind es nur noch fünfzig Zentimeter. Hier spielt nicht das Freizeitverhalten eine Rolle, sondern eine veränderte Arbeitswelt. Früher haben zum Beispiel Pharmavertreter den Ärzten teure Fachbücher mitgebracht, so was gibt es heute nicht mehr.
Und wir versuchen natürlich alle, lieber unser Sortiment zu verkleinern als Personal abzubauen. Was bringt es, wenn wenige Buchhändler einer Vielzahl an Büchern gegenüberstehen, die sie gar nicht mehr managen können? Dafür nimmt der Anteil an Geschenkartikeln immer mehr zu.

Während klassische Buchhändler früher Glitzerkulis und Spülschwämme mit spitzen Fingern angefasst hätten, machen auch bei uns Nonbooks heute fast denselben Umsatz wie Taschenbücher.

Wir müssen die Ladenfläche schließlich füllen, einen gewissen Warendruck erzeugen. Leere Verkaufsflächen schrecken den Kunden ab. Aber wir versuchen immer eine Brücke zwischen den Geschenkartikeln und den Büchern zu bauen, etwa mit einem Nudelsieb bei den Kochbüchern. Wir tun alles, um die Notfalllösung, die Fläche zu verkleinern, zu vermeiden.

Simone Mayrhofer: Leider verändert sich auch die Kundschaft in den letzten Jahren sehr. Zum einen sterben viele ältere, literaturbegeisterte und kauffreudige Kunden traurigerweise weg, zum anderen wächst unter den jungen Leuten weniger Kundschaft nach.

Die Leute zwischen 17 und 25 lassen sich auch durch Bücher über YouTuber nicht in die Buchhandlung locken.

Dennoch geben wir nicht auf und machen Schul- oder Kindergartenführungen, die sehr gut ankommen. Der eine oder andere kommt dann tatsächlich später alleine wieder.

Wie suchen Sie die Bücher aus, die Sie auslegen? Und wie oft tauschen Sie die Auswahl? Gibt es verschiedene Rhythmen, etwa im Schaufenster, in den Regalen, auf den Tischen? Welche Rolle spielt die Backlist?

Angelika Jüttner: Wir haben uns die Bereiche aufgeteilt, das heißt Frau Wagner kauft Kinder-, Jugend- und Kochbücher ein sowie Geschenkartikel für Kinder. Ich betreue Romane, Sachbücher, Köln-Titel und die Nonbooks für die Erwachsenen.
Tische und Schaufenster werden zu aktuellen Anlässen wie Weihnachten oder Schulanfang dekoriert. Deshalb sind die Rhythmen eher flexibel, zwei bis vier Wochen sind es in der Regel. Wenn wir eine Lesung veranstalten, bekommen der Autor und sein Buch natürlich auch ein Schaufenster und einen Büchertisch.

Auf den Tischen legen wir neben den Neuerscheinungen auch immer unsere „Lieblinge“ aus: Bücher, die wir immer wieder gerne empfehlen und deshalb immer vorrätig haben.

Die Backlist spielt also schon eine wichtige Rolle bei uns; auch im Kinderbuch, wo Klassiker von Otfried Preußler oder Astrid Lindgren halt einfach dazugehören.

Simone Mayrhofer: Wenn ein Titel in der Vorschau schon über vier Seiten als Kampagnentitel beworben wird oder gerade bei Sachbüchern zu erwarten ist, dass die Autorin in Talkshows auftritt, bestellen wir mehr, weil wir von mehr Werbemaßnahmen seitens des Verlages ausgehen können.
Auch auf die Meinung der Vertreter verlassen wir uns, weil diese in der Regel die Bücher, die sie uns vorstellen, gelesen haben. Wenn ein Verlag mehrere Titel auf eine Seite quetscht, vermittelt er uns das Gefühl, dass diese Titel ihm nicht sonderlich wichtig sind.
Der Rhythmus richtet sich auch nach den Besuchen der Vertreter, aber ich bemühe mich um eine möglichst lange „Lebensdauer“ der Bücher bei uns und schicke sie nicht immer konsequent nach hundertachtzig Tagen zurück.

Wie viel Einfluss hat Ihr persönlicher Geschmack bei der Auswahl? Lesen Sie zumindest in alle Bücher rein, die Sie auslegen?

Simone Mayrhofer: Natürlich spielen Geschmack und Bauchgefühl eine Rolle. Aber wir müssen uns auch nach Trends richten oder schauen, wie gut sich der vorherige Titel eines Autors verkauft hat. Wobei das auch kein Garant für den Erfolg ist ... Leider können wir nur zurückhaltend auswählen, weil es einfach sehr viele Neuerscheinungen gibt.

Angelika Jüttner: Beim Einkauf haben wir erst einmal unsere Kunden im Blick. Schließlich leben wir davon, dass wir Bücher verkaufen. Aber natürlich haben wir auch unsere Vorlieben, im Idealfall decken die sich mit dem Geschmack der KundInnen.
Bei neuen Autoren versuchen wir schon, einen Eindruck von Sprache und Stil zu bekommen; der siebenundzwanzigste Commissario Brunetti von Donna Leon hingegen wird wahrscheinlich nicht anders sein als die ersten. Wir fünf Kolleginnen lesen alle viel und teils auch Unterschiedliches. Darüber tauschen wir uns aus, sodass wir viele Bereiche abdecken. Was bei uns eher vernachlässigt wird, sind Fantasy und historische Schmöker. Da suchen wir schon mal Testleser aus der Kundschaft.

Stimmt das Gerücht, dass Verlage gute Plätze in großen Buchhandlungen auch kaufen?

Simone Mayrhofer: Uns hat tatsächlich schon einmal ein großer Verlag gefragt, ob er ein paar Regalmeter kaufen könnte, aber darauf lassen wir uns nicht ein. Möglich aber, dass manche Buchhandelsketten das tun.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Verlagsvertretern? Hat sich die im Laufe der Jahre verändert?

Angelika Jüttner: Wir empfangen mittlerweile viel weniger Vertreter als noch vor ein paar Jahren. Wir kaufen gezielter ein und weniger Exemplare, deshalb lohnen sich die Vertreterbesuche teils nicht mehr. Bei einigen Verlagen wickeln wir den Einkauf komplett über das Barsortiment ab, das heißt, wir bestellen über Nacht und immer nur in der Stückzahl, die gerade gebraucht wird. So wird ein zu großer Lagerwert vermieden.
Bei den Vertretern, die wir noch empfangen, erwarten wir neben der Buchvorstellung auch noch Hintergrundinfos zu den Autoren oder auch Werbematerial.

Simone Mayrhofer: Die Verlagsvertreter nehmen eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Buchhandel und Verlag ein. Wir vertrauen ihrem Urteil, gleichzeitig sagen wir ihnen auch, wenn wir uns Dinge anders wünschen.

Michael Henkel: Umso schlimmer ist es, dass immer weniger Buchhandlungen die Vertreter als Sprachrohr in beide Richtungen nutzen.
Die Verlage müssen andere Kanäle finden, um zum Beispiel Feedback von Endkunden zu erhalten, wenn das nicht mehr über die VertreterInnen und BuchhändlerInnen läuft. Soziale Medien sind eine Möglichkeit, allerdings trägt diese Brücke sogar bei reinem Marketing nur bedingt. Irgendwann wird es einfach inflationär, zum hundertsten Mal den fulminantesten Roman angeboten zu bekommen.

In welchem Zusammenhang stehen Ihrer Meinung nach der Erfolg eines Buches und seine Platzierung im Buchhandel?

Angelika Jüttner: Die Verlage versuchen, mit großen Werbeetats Titel und Autoren zu pushen, aber das funktioniert nur bedingt und dann eher für eine kurze Zeit. Longseller wie Dörte Hansens Altes Land oder Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann etablieren sich nur durch die Unterstützung des Buchhandels.
Die Verlage haben ja auch mittlerweile die Probleme, dass die ...

[9.998 von insgesamt 29.571 Zeichen]

Autorin: Daniela Nagel | www.danielanagel.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 132, Oktober 2018
Blogbild: Photo by Yiqun Tang on Unsplash

WARUM ENDET DIESER ARTIKEL HIER?
Es kostet viel Geld, die Federwelt mit all ihren Fachinformationen herzustellen: Autorinnen und Autoren, die für uns schreiben, erhalten ein Honorar. Die Redaktion, das Korrektorat, Layout, Druck und (digitaler) Vertrieb - das alles kostet. Dieses Geld müssen wir durch den Verkauf von Heften und Abos erwirtschaften. Daher können wir unsere Inhalte nicht verschenken.

SIE MÖCHTEN MEHR LESEN?

Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 132, Oktober 2018: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-52018
Sie möchten diese Ausgabe erwerben und unsere Arbeit damit unterstützen?
Als Print-Ausgabe oder als PDF? - Beides ist möglich:

PRINT
Sie haben gerne etwas zum Anfassen, und es macht Ihnen nichts aus, sich zwei, drei Tage zu gedulden?
Dann bestellen Sie das Heft hier: /magazine/magazine-bestellen
Bitte geben Sie bei »Federwelt-Heft-Nummer« »132« ein.

PDF
Download als PDF zum Preis von 4,99 Euro bei:

•    beam: https://www.beam-shop.de/sachbuch/literaturwissenschaft/517700/federwelt-132-05-2018-oktober-2018
•    umbreit: https://umbreit.e-bookshelf.de/federwelt-132-05-2018-oktober-2018-11712038.html
•    buecher: https://www.buecher.de/shop/ebooks/federwelt-132-05-2018-oktober-2018-ebook-pdf/durst-benning-petra-gruber-andreas-uschmann-oliver-pagendamm-bri/products_products/detail/prod_id/54114324/
•    amazon: https://www.amazon.com/dp/B07HQM3563/

Oder in vielen anderen E-Book-Shops.
Suchen Sie einfach mit der ISBN 9783932522932.