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Wie geht es weiter mit KNV?

Branchen-News
Sandra Uschtrin
KNV Lastwagen noch in Stuttgart

Koch, Neff & Volckmar (KNV) ist insolvent – seither wackelt die Buchbranche. Warum das so ist, wen es alles trifft – alle, auch die Autorinnen und Autoren! – und was die Zukunft bringen könnte.
 

Am 14. Februar 2019 um 13.52 Uhr – Deutschlands Schriftstellerinnen und Schriftsteller trafen sich gerade in Aschaffenburg, um das 50-jährige Bestehen ihres Berufsverbands, des VS, zu feiern – erhielten über 5000 Verlage eine E-Mail von der Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV).

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Geschäftsführer der Unternehmen der KNV Gruppe haben heute Morgen beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenzanträge gestellt. Die LKG (Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft mbH) ist davon nicht betroffen.
 
Die bis zuletzt erfolgversprechenden und kurz vor Abschluss stehenden Verhandlungen mit einem Investor für die ganze Unternehmensgruppe sind leider (am 13.2.2019 abends) überraschend gescheitert. [...]

Die Geschäftsführer der KNV Gruppe haben über Monate mit aller Kraft dafür gekämpft, mit einem Investor wieder Stabilität zu erreichen und sind sehr enttäuscht und betroffen, dass dies kurz vor einem positiven Abschluss gescheitert ist.
 
Mit freundlichen Grüßen
Koch, Neff & Volckmar GmbH
Einkauf

Seither wackelt die Buchbranche.

Zur KNV-Gruppe gehört das Barsortiment KNV. Es ist neben Libri das größte deutsche Barsortiment. KNV und Libri teilen sich rund 90 Prozent des Buchgroßhandelskuchens. Außer den beiden Riesen gibt es nur noch das sehr viel kleinere Barsortiment Umbreit, mit rund 10 Prozent vom Kuchen eher ein Zwerg. Und das war es schon.

Über die Barsortimente, den Buchgroßhandel, beziehen die Buchhandlungen ihre Bücher, oft über Nacht. Viele der kleineren unabhängigen Buchhandlungen bestellen ihre Bücher nur bei einem der Barsortimente und verwenden auch deren Bestell- und Warenwirtschaftsprogramm. Buchhandlungen, die bisher nur mit KNV zusammengearbeitet haben, bangen seit dem 14. Februar um ihre Existenz. Wie soll es für sie weitergehen?

Nicht nur viele Buchhändlerinnen und Buchhändler haben seither schlaflose Nächte. Auch die meisten Verlegerinnen und Verleger treibt es um. Denn wie das bei Insolvenzen so ist: Oft bleiben die Gläubiger auf ihren Forderungen sitzen und erhalten irgendwann in ferner Zukunft einen albernen, da mickerig kleinen Betrag vom Insolvenzverwalter.
Wie hoch ist die Summe der offenen Rechnungen? Bei manchen Verlagen kommen da fünf- oder gar sechsstellige Beträge zusammen. Denn Barsortimente haben lange Zahlungsziele: 60 bis 90 Tage sind hier üblich. Das heißt, dass die Rechnungen vom Weihnachtsgeschäft noch offen sind und in dieser Höhe wohl auch nicht mehr beglichen werden.

Das Weihnachtsgeschäft – als hätte man seine Bücher in die Tonne gekippt!

Als normaler Mensch muss man sich das so vorstellen: Plötzlich fehlt der Lohn von rund drei Monaten. Wie soll man da seine eigenen Rechnungen bezahlen?
Zum Beispiel die Honorarrechnungen der Autorinnen und Autoren, die bis Ende März zu zahlen sind. Aber halt: In den meisten Verlagsverträgen dürfte wie im Normvertrag Folgendes stehen, § 4 Absatz 2:

»Der Autor erhält als Honorar für die verlagseigene Verwertung der eingeräumten Rechte für jedes verkaufte, bezahlte und nicht remittierte Exemplar ... % des Nettoladenpreises (gebundener Ladenverkaufspreis abzüglich Umsatzsteuer).«

Aber bezahlt hat KNV ja noch nicht. Bekommen die Autorinnen und Autoren also auch kein Geld. Gut, wer da noch einen Brotberuf hat. Schlecht, wer auf seine Honorare angewiesen ist.

Von der Insolvenz betroffen ist auch die Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung GmbH (KNO VA). Für über 300 Verlage – darunter Carlsen, dtv, Gräfe und Unzer, Hoffmann und Campe, Piper, Suhrkamp und Ullstein – agiert sie als Fullservice-Anbieterin für Lagerhaltung und Distribution sowie für weitere Dienstleistungen wie Auftragsbearbeitung, Fakturierung, Buchhaltung, IT-Entwicklung, Statistiken und Auswertungen.

Die KNV-Gruppe hat über 1.700 MitarbeiterInnen. Für sie sorgt in den nächsten Monaten der Staat. Was dann mit ihnen passiert, ist ebenfalls noch ungewiss.

Die Insolvenz wird in der Branche als hausgemacht eingestuft. Die Probleme begannen wohl mit dem Bau des Logistikzentrums in Erfurt. KNV-Chef Oliver Voerster, Geschäftsführer aus der 6. Generation, wird vorgeworfen, er habe nicht rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt. Nachher ist man immer schlauer. Und Unternehmen müssen etwas unternehmen und ins Risiko gehen. Dafür werden sie gefeiert - wenn es gut geht.

Das Barsortiment KNV gibt es seit 1847. Als Bindeglied zwischen Verlagen und Buchhandlungen hat es rund 590.000 lieferbare Titel von über 5.000 Verlagen und Selfpublishern in seinem Zentrallager in Erfurt ständig am Lager. KNV beliefert insgesamt 5.600 Buchhandelsfilialen, davon 4.200 in Deutschland, 800 in Österreich und der Schweiz sowie 600 Buchhandlungen in anderen Ländern.

Wie geht es nun weiter? Geht es weiter? Wie könnte es weitergehen? – Dazu gibt es von Torsten Casimir, dem Chefredakteur des Börsenblatts, einen Artikel. Mögliche Investoren nennt er hier beim Namen. Aber müssen es wirklich einzelne Großinvestoren sein?

Jasper Stahlschmidt, Fachanwalt für Insolvenzrecht, hat für den Buchreport einen Artikel mit dem Titel »Was Verlage jetzt tun können« verfasst. Darin heißt es:

»In einem Insolvenzverfahren kann die Fortführung und der Erhalt des Unternehmens sowie die Sanierung nicht nur durch den Einstieg eines Investors, sondern auch mithilfe eines Insolvenzplans durch einen sogenannten Debt-to-Equity-Swap durchgeführt werden. Die Verlage haben hier die einmalige Möglichkeit, ihre offenen Forderungen in Gesellschaftsanteile des Unternehmens KNV umzuwandeln. Die Verlage übernehmen damit sozusagen das Unternehmen und führen es fort. Ein Blick in die Niederlande zeigt, dass dies auch nicht ungewöhnlich wäre. Hier übernimmt das „Centraal Boekhuis“ die Logistikaufgaben, das im Eigentum der Buchbranche ist. Eine solche Fortführungslösung könnte sich als vorteilhafter erweisen als die Übernahme von KNV durch einen Wettbewerber oder im schlimmsten Fall eine Schließung des Betriebes.«

Wäre das die Lösung? Die Last der Verantwortung eines Barsortiments wie KNV - verteilt auf die Schultern der Verlage?

Lieber Herr Stahlschmidt: Was müssten wir Gläubiger-Verlage tun, um diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen? Um welche Rechtsform würde es sich handeln? Um eine Buchgroßhandelsgenossenschaft? Wo lägen die Gefahren? Wo die Chancen?
Thomas Bez von Umbreit steht solchen Überlegungen zwar skeptisch gegenüber. Aber das wundert eher nicht.

> www.knv.de

Blogbild: Lastwagen von KNV, damals noch in Stuttgart (2008). Foto: Sandra Uschtrin