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VG WORT fordert von Verlagen Geld zurück

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Illustration zur VG Wort

Müssen Verlage viel Geld zahlen? Und wie lange wird es die VG WORT noch geben?

Dieser Tage müssen sich die deutschen Verlegerinnen und Verleger entscheiden, wie sie mit einem Schreiben der VG WORT umgehen, das ihnen Anfang Dezember zugeschickt worden ist. Es eilt, Rücksendefrist ist der 10. Dezember 2015.

Entweder soll man bis zum 10.12. die im Jahr 2012 geleisteten Zahlungen der VG WORT auf das Konto der VG WORT zurückzahlen. Oder man soll eine Verjährungsverzichtserklärung unterschreiben, die der Justitiar des Börsenvereins Christian Sprang für »die wohl einfachste und eleganteste Möglichkeit« hält, mit der Forderung umzugehen. Das Ganze einfach auszusitzen und nichts zu tun, empfiehlt sich nicht. Denn dann droht eine »gerichtliche Geltendmachung« und die kostet auf jeden Fall Geld und Nerven. 

Es geht um hohe Beträge: Allein bei einem Kleinstverlag wie dem Uschtrin Verlag beträgt die geforderte Summe für das Jahr 2012 3.979,53 Euro. Für 2013 werden es 2.106,12 Euro und für 2014 1.952,08 Euro sein, die möglicherweise zurückzuzahlen sind. Zusammen wären das über 8.000 Euro bei einem Verlag, der 2012 und 2013 noch nicht einmal Angestellte hatte, größenmäßig also ein Zwerg ist. Bei allen Verlagen zusammen soll es sich um eine Summe von 100 Millionen Euro handeln. Der Börsenverein spricht deshalb von einem »annus horribilis«, einem Horrorjahr für die Verlage.

Seit dem Streit zwischen dem Autor Martin Vogel und der VG WORT zahlte die VG WORT den Verlagen die Ausschüttungsbeträge nurmehr unter Vorbehalt. Seither steht die Frage im Raum, ob Verlage überhaupt berechtigt seien, an den Ausschüttungen zu partizipieren, oder ob diese allein den Autorinnen und Autoren zustünden. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 12. November 2015 ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass Martin Vogel auch vor dem Bundesgerichtshof Recht erhält. Denn Verlage kommen als Rechteinhaber in den EU-Richtlinien nicht vor, weshalb nach Meinung des EuGH nur AutorInnen und nicht auch Verlagen ein gerechter Ausgleich bei Vervielfältigungen zustünde. Dieser Meinung könnte sich der Bundesgerichtshof anschließen und damit das gesamte Gebäude der VG WORT ins Wanken bringen. Dort heißt es bereits in der Satzungspräambel: »Die Entwicklung des Urheberrechts erfordert den Zusammenschluss der Wortautoren und ihrer Verleger zu einer Gesellschaft, die die Verwertungsmöglichkeiten wahrnimmt.«

Was aber, wenn die VerlegerInnen nicht mehr mit dabei sein dürften?

Matthias Ulmer, Vorsitzender des Verleger-Ausschusses des Börsenvereins, drohte, Verlage würden »gezwungen sein, ihre Kalkulationen in jeder Beziehung anzupassen, auch was die Autorenvergütung betrifft. Das beträfe auch Dienstleistungen, die Verlage im Rahmen des kooperativen Zusammenwirkens mit Autoren in der VG Wort erbringen, beispielsweise, um zugunsten der Urheber die Erfassung von online genutzten Texten zu ermöglichen (METIS-Meldesystem).«

Der Vorstand der Kurt Wolff Stiftung sprach im Namen der unabhängige Verlage und meinte in einer Presseerklärung:

»Die Ausschüttungen der VG Wort und VG Bild-Kunst stellten stets eine verlässliche Einnahme bei der Programmkalkulation dar, ohne die es für viele kleinere unabhängige Verlage kaum möglich war, den ökonomischen Überlebenskampf erfolgreich zu bestreiten. Wenn diese Gelder wegfallen, leidet darunter die Programmvielfalt: Vor allem besonders aufwändige, ungewöhnliche und riskante Buchprojekte, die zumeist von kleineren unabhängigen Verlagen unternommen werden, müssen gestrichen, Autorenhonorare gekürzt werden.

Die Auswirkungen der Rückforderungen von VG Wort und VG Bild-Kunst sind jedoch noch viel gravierender. Sie entsprechen bei einigen Verlagen einem durchschnittlichen Jahresgewinn, bilden eine existentielle Bedrohung und stellen deren Fortbestand massiv in Frage.

Hinter dem Urteil steht jedoch auch eine völlige Missachtung dessen, was von Verlagen geleistet wird. Wir unabhängigen Verlage initiieren und entwickeln Buchprojekte für und mit den Autorinnen und Autoren, lektorieren Manuskripte sorgfältig – je nach Bearbeitungsgrad bis zur Miturheberschaft – und gestalten sie liebevoll, damit aus einem Manuskript ein Buch werden kann, ganz abgesehen von der Verbreitung desselben im Buchhandel wie in der Presse. Die Vorstellung, dass Verlage einfach nur fertige, von Urhebern perfekt verfasste Texte drucken, entspricht keinesfalls dem Engagement und Enthusiasmus dessen, was unabhängige Verlage für ihre Autorinnen und Autoren leisten.

Sollte das EuGH-Urteil unwidersprochen bleiben, ist die Vielfalt der Verlags- und Literaturszene und die Existenz kleinerer unabhängiger Verlage in Deutschland stark bedroht.«

Diese Meinung vertreten auch manche Autorinnen und Autoren – wobei es nur wenige zu geben scheint, die dazu überhaupt eine Meinung haben. »Über Geld spricht man nicht«  – das trifft leider noch immer auf viele AutorInnen zu. Etliche sind, Stichwort Bezahlverlage, sogar bekanntlich dazu bereit, Geld dazuzuzahlen, Hauptsache ihre Werke werden gedruckt.

Nur wenige sehen in Martin Vogel keinen Wichtigtuer. Etwa der Autor Tom Hillenbrand. Er hat bei den Autorenverbänden nachgefragt und herausgefunden, dass nur der Freischreiber-Verband Vogels Klage unterstützt. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV), die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) und der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in verdi halten sich eher bedeckt und möchten, dass alles beim Alten bleibt. Tom Hillenbrand hält das für einen Verrat. In seinem Blog schreibt er: »Ja, Verrat. Mir fällt kein anderes Wort dafür ein. Unsere eigenen Verbandsvertreter verkaufen uns an die Verlage. Sie geben vor, unsere Interessen zu schützen, aber helfen stattdessen unseren Arbeitgebern, uns weiterhin zu übervorteilen. Verrat nennt man so etwas.«

Handelt es sich wirklich darum? Oder nicht eher um ein kluges Abwägen im Sinne der AutorInnen?

Die Angelegenheit ist komplizierter als es auf den ersten Blick scheint. Ein abschließendes Urteil hat sich die Verfasserin dieses Beitrags noch nicht gebildet. Nur die Verjährungsverzichtserklärung hat sie unterschrieben und den Urlaub für 2016 gestrichen.

Wer tiefer in die Materie eindringen möchte, findet hier eine Menge Informationen:

Siehe auch: https://www.autorenwelt.de/blog/urteil-zur-vg-wort (21. April 2016)