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UnKnown – beeinflusst Gender Schreibstil und Rezeption?

Branchen-News
Sandra Uschtrin
UnKnown – beeinflusst Gender Schreibstil und Rezeption?

Kann man anhand des Schreibstils herausfinden, ob eine diverse Person oder eine Frau oder ein Mann eine Geschichte geschrieben hat? Mit dem Projekt UnKnown sind zwei Frauen dieser Frage nachgegangen. Und nein, das kann man natürlich nicht ...

Männer können sich nicht in Frauen hineinversetzen, Frauen schreiben nur gefühligen Kram. – Was ist daran dran? Handelt es sich um Vorurteile? Um das herauszufinden, riefen Hanka Leo und Sonja Rüther vor zwei Jahren das Projekt UnKnown ins Leben und verbanden das mit der Herausgabe einer Anthologie. Jetzt liegt das Ergebnis des kleinen Forschungsprojekts vor. Und um es vorwegzunehmen: Ja, dabei handelt es sich um Vorurteile.

UnKnown – Projekt und Anthologie, Forschung und öffentlichkeitswirksame PR

In der Anthologie »UnKnown« veröffentlichen die Herausgeberinnen Hanka Leo und Sonja Rüther zwölf »Erzählungen unbekannter Herkunft“ – so der Untertitel, ohne die Namen der Urheber*innen zu nennen. Die Geschichtensammlung enthält einen Link zu einem Fragebogen, den die Leser*innen ausfüllen sollten. Ziel war es herauszufinden, ob die Erzählungen allein aufgrund des Schreibstils einem Gender oder sogar einer konkreten Person zugeordnet werden können.

Auschnitt vom Cover der Anthologie UnKnown – Erzählungen unbekannter Herkunft

Das Ergebnis zeigt nun – wie nicht anders zu erwarten: Wie eine Geschichte wahrgenommen wird, ist stets ein Zusammenspiel des Geschriebenen mit den Erfahrungen, Vorlieben und Einstellungen der Lesenden. Was die einen originell fanden, wurde von anderen als alter Hut bewertet. Wo die einen den Stil eher sanft fanden, sagten andere, der Stil sei eher hart.

Manche fragten sich, ob die Schreibenden im Rahmen des Projektes ihren Stil bewusst verändert hätten, um die Lesenden in die Irre zu führen. Herausgeberin und Verlegerin Sonja Rüther meint dazu: »Es gehört zum Handwerk, die Stilmittel so einzusetzen, wie eine Geschichte sie braucht. Soll es romantisch sein, sind weichere Formulierungen angebracht. Bei actionreicher Spannung werden die Sätze kürzer und die Worte härter. Bei den UnKnown-Erzählungen ging es nicht darum, bewusst anders zu schreiben, sondern Antworten auf unsere Frage zu finden.«

Die Lesenden wurden gebeten, die Geschichten einer männlichen, weiblichen oder nicht-binären Person zuzuordnen. Bei den neun Geschichten, die klar einem Gender zuzuordnen sind, zeigte sich: 44 Prozent haben falsch geraten, 31 Prozent waren unentschieden und 25 Prozent lagen mit ihrer Zuordnung richtig.

Diese Entscheidung wurde von 61 Prozent der Befragten aus dem Bauch heraus getroffen, 10 Prozent machten sie an den Themen fest; der Rest verteilt sich auf Genres, Stil und Klischees in den Texten. Die meisten Teilnehmenden können also nicht genau begründen, wieso sie einen Text eher einem Autor oder einer Autorin zuordnen.

»Bei UnKnown ging es um die Frage, wie sehr der Name die Wahrnehmung der Geschichte beeinflusst. Denn wenn man auch sonst nichts über den Kontext weiß – der Name steht immer dabei und lenkt unbewusst die Erwartungshaltung«, sagt Mitherausgeberin und Lektorin Hanka Leo. »Inwiefern sich unsere Teilnehmenden jetzt ertappt oder bestätigt fühlen, liegt ganz bei ihnen.«

Also schreiben Männer nicht nur harte Sachen und Frauen gefühligen Kram? Die Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte haben längst das Gegenteil bewiesen und können auch dank UnKnown nicht als Ausnahmen abgetan werden.

»Wir möchten, dass gute Geschichten nicht von antiquierten Vorurteilen ausgebremst werden«, sagt Sonja Rüther, »denn am Ende sind Geschichten genauso individuell wie die Menschen, die sie lesen.«

Verantwortlich für dieses Projekt sind Lektorin Hanka Leo und Autorin und Verlegerin Sonja Rüther.

Mehr Informationen zum Projekt und zur Anthologie gibt es auf www.briefgestoeber.de.

Blogbild: Foto: Chien Nguyen Minh auf Unsplash; Bild im Blogbeitrag: Ausschnitt aus dem Cover von »UnKnown – Erzählungen unbekannter Herkunft«