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Tag des inhaftierten Schriftstellers am 15. November 2020

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Tag des inhaftierten Schriftstellers am 15. November 2020

Der PEN erinnert am 15. November an bedrohte Autorinnen und Autoren. Weltweit machen die PEN-Zentren am »Tag des inhaftierten Schriftstellers« auf das Schicksal von zu Unrecht inhaftierten und verfolgten Schriftstellerinnen, Journalisten, Verlegerinnen und Bloggern aufmerksam.

Bedroht, verfolgt, eingesperrt: Der internationale PEN rückt am diesjährigen Tag der inhaftierten Schriftsteller*innen die Fälle von Chimengül Awut (China/Xinjiang, oben links), Kakwenza Rukirabashaija (Uganda, oben Mitte), Paola Ugaz (Peru, oben rechts), Osman Kavala (Türkei, unten links) und Sedigeh Vasmaghi (Iran, unten rechts) ins Licht der Öffentlichkeit. Sie stehen beispielhaft für die Schikanen und Repressionen, denen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen auf der ganzen Welt täglich ausgesetzt sind.
 
»Die Freiheit des Wortes steht in vielen Ländern der Welt auf tönernen Füßen. Despotische Regime reagieren auf Kritik mit Gewalt und Gefängnisstrafen. Umso wichtiger ist unsere Solidarität mit allen bedrohten Autoren«, betont Ralf Nestmeyer, Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter des deutschen PEN.

Zu den Autorinnen und Autoren

Chimengül Awut (oben links) – Umerziehungslager wegen »gefährlicher« Literatur: Polizeibehörden haben Medienberichten zufolge Chimengül Awut, uigurische Dichterin und leitende Herausgeberin des staatlichen Verlages Kashgar Publishing House, im Juli 2018 in Kashgar festgenommen und in ein Umerziehungslager gebracht. Die Stadt Kashgar liegt im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China. Die Verhaftung war Teil einer einjährigen Kampagne der Behörden gegen das Verlagshaus, bei der zahlreiche ehemalige und aktuelle Angestellte in Gewahrsam genommen wurden. Awut wird vorgeworfen, Bücher publiziert zu haben, die als »problematisch« oder »gefährlich« eingestuft worden sind.

Kakwenza Rukirabashaija (oben Mitte) – Festnahme und Ermittlungen aufgrund von Kritik am Staatspräsidenten: Am 18. September 2020 wurde der ugandische Schriftsteller und Journalist Kakwenza Rukirabashaija in seiner Wohnung im Iganda Distrikt (Kigulu) verhaftet. Nach Berichten, die dem internationalen PEN vorliegen, wurde er zwischenzeitlich in Mbuya inhaftiert und später in die Sonderuntersuchungseinheit nach Kireka gebracht, wo er drei Tage ohne jegliche rechtliche Grundlage festgehalten wurde. Das ugandische Recht sieht vor, dass nach einer Festnahme innerhalb von zwei Tagen vor Gericht Anklage erhoben werden muss. Berichten zufolge brachten Kriminalpolizisten gegenüber Rukirabashaijas Ehefrau die Festnahme des Schriftstellers mit einem Schreiben in Verbindung, wonach er sich kritisch gegenüber Staatspräsident Yoweri Kaguta Museveni geäußert haben soll. Seitdem er auf Kaution freigelassen worden ist, muss er wöchentlich bei der Sonderuntersuchungseinheit in Kireka, 240 Kilometer von seiner Wohnung entfernt, erscheinen. Gegen Rukirabashaija soll laut offiziellen Dokumenten wegen »Anstiftung zur Gewalt und Förderung von Sektierertum« ermittelt werden. Ferner steht er unter widerrechtlicher Überwachung durch die Behörden.

Paola Ugaz (oben rechts) – Verleumdungsklagen nach Enthüllungen innerhalb katholischer Gruppierung: Die peruanische Investigativjournalistin Paola Ugaz hatte Machenschaften der Gruppierung »Sodalitium Christianae Vitae« (SCV) aufgedeckt. Bei der SCV handelt es sich um eine konservativ-katholische Laienbewegung. Zeugenaussagen, die sie gesammelt hat, legen den SCV-Mitgliedern zur Last, Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen begangen zu haben. Infolge dieser Enthüllungen haben zahlreiche Privatpersonen, die in Verbindung zu der SCV stehen, Straf- und Zivilklagen gegen sie eingereicht. Am 27. Oktober 2020 eröffnete der Neunte Gerichtshof von Lima den Prozess gegen Ugaz.

Osman Kavala (unten links) – Justizwillkür gegen Kulturmäzen: Seit drei Jahren sitzt der türkische Verleger und Kulturförderer Osman Kavala im Hochsicherheitsgefängnis Silivri bei Istanbul in Einzelhaft. Er wurde im Februar 2020 zwischenzeitlich freigesprochen. Kurz darauf wurde er abermals verhaftet. Im Oktober dieses Jahres veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine neue Anklageschrift. Darin fordert sie für den Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan eine »verschärfte« lebenslange Haftstrafe. Kavala wird wegen seiner angeblichen Beteiligung am gescheiterten Putsch von 2016 der »versuchte Sturz der Regierung« und »politische Spionage« vorgeworfen. Am 18. Dezember soll die erste Gerichtsverhandlung in Kavalas Fall stattfinden.

Sedigheh Vasmaghi (unten rechts) – Haftstrafe wegen Petition gegen Polizeigewalt: Die iranische Rechtswissenschaftlerin und Schriftstellerin Sedigheh Vasmaghi wurde im August 2020 im Iran zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Zuvor hatte sie eine Erklärung unterzeichnet, in der insgesamt 77 reformistische Aktivistinnen und Aktivisten das gewaltsame Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte bei den Protesten im November 2019 kritisieren. Hinzukommt eine fünfjährige Haftstrafe, zu der sie bereits 2017 verurteilt worden ist und die später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurde. Dennoch darf sie seit 2019 den Iran nicht mehr verlassen.

Über den Tag der inhaftierten Schriftstellerin

Der Gedenktag wurde im Jahr 1980 durch das »Writers in Prison«-Kommittee des internationalen PEN ins Leben gerufen. Damit reagiert der PEN auf die bedrohlich wachsende Zahl der Länder, die versuchen, Schriftsteller*innen durch Repressionen mundtot zu machen. An diesem Tag soll an zu Unrecht inhaftierte und verfolgte Schriftstellerinnen, Journalisten, Verlegerinnen und Bloggern sowie an all jene gedacht werden, die getötet wurden, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen haben. Die 68-seitige Caselist 2019 ist abrufbar auf der Internetseite des deutschen PEN. In dieser Caselist bündelt und aktualisiert der PEN jährlich die Informationen zu aktuellen Fällen. Sie enthält außerdem Länderberichte sowie Informationen zur weltweiten Situation der Meinungsfreiheit und zur Writers-in-Prison-Arbeit des PEN.

Über das deutsche PEN-Zentrum

Das deutsche PEN-Zentrum hat seinem Geschäftssitz in Darmstadt. Es ist eine von weltweit über 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwältin des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Der deutsche PEN begleitet mit Initiativen und Veranstaltungen das literarische Leben in Deutschland. Er bezieht Stellung, wenn er die Meinungsfreiheit, gleich wo, in Gefahr sieht. Er mischt sich ein, wenn im gesellschaftlichen Bereich gegen den Geist seiner Charta verstoßen wird.

Link: https://www.pen-deutschland.de/de/

Blogbild von links nach rechts,
oben: Chimengül Awut, Foto: Tengritagh Akademi | Kakwenza Rukirabasaija, Foto: Privat | Paula Ugaz, Foto: María García Burgos
unten: Osman Kavala, Foto: free Osman Kavala Website | Sedigheh Vasmaghi, Foto: Steven Quigley
Collage: Sandra Uschtrin