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Sollte der Staat die verlegerische Vielfalt fördern?

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Monika Grütters will verlegerische Vielfalt fördern

Eine von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegebenen Studie kommt zum Ergebnis, dass es in Deutschland nicht gut um die verlegerische Vielfalt steht. Kleine und unabhängige Buchverlage seien in ihrer Existenz bedroht. Um Abhilfe zu leisten, schlagen die Autoren der Studie vor, diese Verlage mit jährlich jeweils rund 25.000 Euro zu fördern. Aus der Staatskasse. Ist das sinnvoll?

Zum Welttag des Buches, am 26. April 2021, veröffentlichte Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, die Studie »Aktuelle Bestandsaufnahme und Bedarfsanalyse im Bereich der Förderung verlegerischer Vielfalt auf dem Buchmarkt in Deutschland«. Erstellt hat die von ihr in Auftrag gegebene Studie das Consulting-Unternehmen DIW Econ. Autoren der Studie sind Dr. Stefan Gorgels und Janik Evert. 254 Buchverlage – also weniger als 10 Prozent – nahmen an der Studie teil.

Bestandsaufnahme: aktuelle Situation und Entwicklung des deutschen Buchverlagswesens

Zu Beginn der 84-seitigen Studie analysieren die Autoren die aktuelle Situation und Entwicklung des deutschen Buchverlagswesens. Es geht um die thematische Struktur der Verlage und um deren Umsatz- und Kostenstruktur.

Nicht neu: Der Buchmarkt zeige eine hohe Konzentration der Umsätze auf einige wenige Konzernverlage: »Die 40 größten Verlage (oder 2% aller Verlage in der Umsatzsteuerstatistik) erwirtschaften 78,8% des Gesamtumsatzes im deutschen Buchmarkt. Im Gegensatz dazu: die große Mehrheit der kleineren Verlage (87% aller Verlage) erwirtschaftet lediglich 6% des Gesamtumsatzes.«

Die verlegerische Vielfalt am Buchmarkt habe in den letzten zehn Jahren abgenommen: »Von 2010 bis 2018 ist die Gesamtzahl der umsatzsteuerpflichtigen Verlage um ca. 14% gesunken, von 2.220 auf 1.918 Verlage. Die Zahl der Verlage ist somit jährlich durchschnittlich um 1,5% gesunken.«

Die Zahl kleiner Verlage mit einem Jahresumsatz bis zu 100.000 Euro sei in diesem Zeitraum besonders stark gesunken: »Der Rückgang zwischen 2010 und 2018 beträgt ca. 22%. Die Zahl der kleinen Verlage ist somit jährlich um 2,4% gesunken.«

Auch die Anzahl der Veröffentlichungen habe abgenommen: »Die Zahl der Erstauflagen ist von 2009 bis 2018 um 14% von 81.739 auf 70.395 gesunken.«

Zurückzuführen sei diese Entwicklung unter anderem auf den Strukturwandel, mit dem sich die deutsche Buchverlagsbranche konfrontiert sehe. Die Zahl der Buchkäufer*innen sei seit 2012 rückläufig, die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer von gedruckten Büchern sei von 22 Minuten in 2015 auf 17 Minuten in 2019 gesunken.
Außerdem hätten folgende Ereignisse die wirtschaftliche Situation der Buchverlage in den letzten Jahren verschlechtert:
– Covid-Pandemie
– Portoerhöhungen der Deutschen Post
– Insolvenz des Barsortiments Koch, Neff, Volckmar
– Wegfall der Verlegerbeteilung an den Einnahmen der VG WORT [die ja aber jetzt gerade wieder eingeführt wurde, siehe hier]

Vorschläge für eine Verlagsförderung in Deutschland

Die Autoren der Studie machen sich für eine systematische, strukturelle Förderung von kleinen Verlagen stark. Jeder Verlag, der bestimmte Kriterien erfüllt, könne dann vom Staat Geld erhalten. Die Strukturförderung eigne sich am besten, die verlegerische Vielfalt in Deutschland zu unterstützen.

Eine Kulturförderung, bei der eine Jury nach qualitativen Kriterien entscheidet, welche Verlage oder Buchtitel gefördert werden und welche nicht, empfehlen die Autoren ausdrücklich nicht.

Die allgemeinen Förderkriterien könnten nach Meinung der Autoren so aussehen:
– Verlagshauptsitz in Deutschland
– Rechtlich und wirtschaftlich unabhängig von Unternehmensgruppen/Konzernen oder öffentlichen Einrichtungen
– Der Verlag übernimmt das vollständige verlegerische Risiko und alle anfallenden Kosten (Lektorat, Marketing, Vertrieb)
– Pro Verlag/Verlagsgruppe kann ein Förderantrag gestellt werden
– Schulbuchverlage & Schulbücher sind von der Förderung ausgeschlossen
– Umsatz des Vorjahres unter 1 Million Euro

Verlage, die diese Kriterien erfüllen, könnten dann eine sogenannte ungebundene finanzielle Unterstützung von maximal 65.000 Euro pro Jahr über 3 Jahre beantragen, vorausgesetzt,
– es gibt den Verlag seit mindestens 3 Jahren
– er publiziert mindestens 1 Titel pro Jahr
– die Verlagstätigkeit macht mindestens 51% des Gesamtumsatzes aus und
– maximal 25% des jährlichen Verlagsprogramms besteht aus Publikationen, die im Eigenverlag erscheinen.

Um Verlagsneugründungen nicht zu benachteiligen, sollten außerdem titelgebundene Kostenzuschüsse beantragt werden können.

Was würde das Ganze kosten?

Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Gesamtkosten der Förderung jährlich etwa 60-70 Millionen Euro betragen würden. Die durchschnittliche Fördersumme läge bei ca. 25.000 Euro pro Verlag. Diese Kostenkalkulation beruhe auf der Annahme, dass nur Verlage mit einem Jahresumsatz von bis zu 1 Million Euro förderfähig sind. Das entspräche maximal etwa 2.700 Verlagen. Die 25.000 Euro pro Verlag entsprächen – so die Autoren – »den durchschnittlichen gesamten Produktionskosten von ca. 2 Büchern«.

Wer erhielte kein Geld?

Eigenverlage, Selbstkostenverlage und Verlage ohne professionelle Verlagsstruktur sollen von der Förderung ausgeschlossen sein, also kein Geld erhalten. Denn es könne nicht davon ausgegangen werden, »dass diese Verlage zur verlegerischen Vielfalt beitragen«.

Schwächen der Studie

1. Selfpublishing kommt in der Studie nicht vor

Was in der gesamten Studie mit keinem Wort erwähnt wird, ist das Thema Selfpublishing. Auf Verlagsseite ist zwar die Anzahl der Erst- und Neuauflagen gesunken; mehr als wettgemacht wird das allerdings durch Tausende von Publikationen, die im Selfpublishing entstehen.

Ja, die verlegerische Vielfalt hat in den letzten zehn Jahren abgenommen, es gibt Jahr für Jahr weniger Kleinst- und Kleinverlage. Aber ist das wirklich so schlimm? Und: Vielleicht hat das ja auch etwas mit der Altersstruktur der Verleger*innen dieser Kleinst- und Kleinverlage zu tun? Ob dem so ist, das untersucht die Studie leider nicht.

Wer heutzutage jung ist, übernimmt vielleicht nicht unbedingt einen Kleinverlag oder gründet einen solchen, sondern wird Selfpublisher.

Eine Strukturförderung für Kleinst- und Kleinverlage würde möglicherweise zu einer Wettbewerbsverzerrung zwischen old school Kleinstverleger*innen und innovativen Selfpublishern führen.

Eine solche staatliche Förderung würde außerdem ein Modell des Publizierens von Büchern unterstützen, das so – auch aufgrund technischer Neuerungen wie Print-on-Demand/Digitaldruck und E-Book sowie der Umbrüche, die aufgrund der Blockchain-Technologie zu erwarten sind – in vielen Fällen nicht mehr zeitgemäß ist. Sie hätte etwas Rückwärtsgewandtes, ähnlich den staatlichen Subventionen für Kohle statt für die erneuerbaren Energien.

Selfpublishern wurde früher oft unterstellt, sie hätten keinen Verlag »abgekriegt«. Heute ist es – was Kleinverlage betrifft – eher umgekehrt: Sie bekommen keine Autor*innen mehr ab. Denn wer in den sozialen Medien mehrere Tausend Follower hat, braucht keinen Verlag, behält als Selfpublisher obendrein die Nutzungsrechte an seinen Werken und verdient oft sehr viel mehr als Verlagsautoren.

2. Was geschieht nach 3 Jahren Strukturförderung?

Strukturförderungen sind nach europäischem Recht eigentlich verboten. Allerdings gibt es, so die Autoren, eine Ausnahme: sogenannte De-Minimis-Beihilfen. Die Autoren: »Im Rahmen der De-Minimis Verordnung ist eine systematische Förderung von Unternehmen oder Produktionszweigen von maximal 200.000 Euro pro Unternehmen über drei Steuerjahre möglich.« – Daher begrenzen die Autoren der Studie die Strukturförderung von Verlagen auf 3 Jahre und auf maximal 65.000 Euro jährlich je Verlag.

Was aber geschieht nach diesen 3 Jahren? Begünstigt eine solche Förderung nicht den Mitnahmeeffekt? Und wird es danach nicht erst recht zu vielen Verlagsaufgaben kommen?

Wem wäre damit gedient, wenn der Staat auf ein altes Pferd setzen würde?
Wäre das Geld in der Leseförderung nicht besser aufgehoben?

Links
Pressemeldung: www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/aktuelles/neue-studie-zu-perspektiven-von-buchverlagen-kulturstaatsministerin-gruetters-vielfalt-mit-klugen-strategien-erhalten--1897852
Studie: www.bundesregierung.de/resource/blob/973862/1893662/e863acb30a6aacdf0f2577185eb3ac15/2021-bkm-verlagsstudie-data.pdf

Blogbild: Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Foto: Wolfgang Wilde.