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Parents in Arts – ein vorbildliches Aufenthaltsstipendium für Autor:innen mit Kindern

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Kind auf Dreirad von hinten als Beispiel für Parents in Arts – ein vorbildliches Aufenthaltsstipendium für Autor:innen mit Kindern

Hamburg schreibt zum ersten Mal »Parents in Arts« aus, ein besonders elternfreundliches Residenzstipendium. Wie es dazu kam, erzählt Co-Initiatorin Julia Ditschke. Für Autor:innen in anderen Bundesländern heißt das: Nicht abwarten, sondern selbst die Initative ergreifen und mit den Menschen in den Kulturbehörden reden.

Die Hamburger Behörde für Kultur und Medien (BKM) schreibt ein neuartiges Residenzstipendium aus. Es richtet sich an Hamburger Schriftsteller:innen und bildende Künstler:innen mit Kindern und heißt Parents in Arts. Damit schafft Hamburg – als erstes Bundesland in Deutschland! – eine Literaturförderung, die Eltern endlich ausdrücklich anspricht.

Aufenthaltsstipendien und Stadtschreiberstellen sind oft elternfeindlich

Schon lange rumort es: Die meisten Residenzstipendien für Autorinnen und Autoren gehen in vielerlei Hinsicht an den Lebensrealitäten von Eltern vorbei. Hat jemand Kinder, kann und möchte er oder sie nicht für einen, drei oder gar sechs Monate von zu Hause wegfahren und in einem fremden Dorf oder einer fernen Stadt schreiben. Insbesondere dann nicht, wenn am Residenzort Anwesenheitspflicht besteht oder wenn der Besuch der eigenen Kinder unerwünscht ist. Kaum ein Stipendium bietet eine Kinderbetreuung. Zugleich sind es aber gerade Schreibende mit Kindern, die oft prekärer leben als ihre kinderlosen Kolleginnen und Kollegen und konzentrierte Schaffenszeiten besonders dringend benötigen.

Initiative zeigen!

2020 wurden gleich zwei Autor:innen-Kollektive gegründet. Beide setzen sich mit den unterschiedlichen Facetten des Lebens und Schreibens mit Kindern auseinander und wollen gesellschaftspolitische Veränderungen – unter anderem in der literarischen Förderlandschaft – anstoßen: »Writing with Care/Rage« und »Other Writers Who Need to Concentrate«.

Der Name der Initiative »Other Writers Who Need to Concentrate« geht auf die Antwort eines Künstlerhauses zurück. Jemand hatte gefragt, ob es möglich sei, zu einem bereits zugesagten Aufenthaltsstipendium mit Familie anzureisen. Die Antwort lautete: »And sorry to tell you that we do not accept little kids as it really troubles other writers who need to concentrate.«

Auf der Website der Other Writers findet sich unter anderem eine hilfreiche Übersicht über die Familienfreundlichkeit einzelner Stipendienprogramme.

2021 formulierten 13 Initiativen aus allen Kunstsparten einen offenen Brief an die staatlich finanzierten Förderanstalten. Darin forderten sie Stipendien, die explizit für Künstler:innen mit Kind(ern) angelegt sind.

Für Parents in Arts hatten sich zwei Autorinnen, Julia Ditschke und Friederike Gräff, mit der bildenden Künstlerin Marcia Breuer von mehrmütterfürdiekunst.net zusammengetan. Gemeinsam mit der Hamburger Behörde für Kultur und Medien (BKM) haben sie dieses neue Residenzstipendium initiiert. Es richtet sich ausdrücklich an (Hamburger) Schriftsteller:innen und bildende Künstler:innen mit Kindern und ist ganz auf die Bedürfnisse von literatur- und kunstschaffenden Eltern zugeschnitten.

Drei Fragen an Co-Initiatorin Julia Ditschke

Julia Ditschke, Co-Initiatorin von Parents in Arts

Foto: Gunter Glücklich, www.guntergluecklich.com

1. Was unterscheidet Parents in Arts von anderen Residenzstipendien?

Die Dauer der Residenzen beträgt nur zwei Wochen. Dieser Zeitraum kann von Eltern oftmals besser realisiert werden als längere Stipendienaufenthalte. Die Residenzen können wahlweise mit oder ohne Kinder angetreten werden, wobei die Kinder an der Stipendienstätte professionell betreut und mittags bekocht werden. Es gibt einen Hof und Garten mit vielen Verstecken, einem Baumhaus und ganz viel Platz. Außerdem wird die geleistete Care-Arbeit bereits im Auswahlprozess positiv gewertet. Und es gibt keine Altersbeschränkung für die Bewerber:innen.

2. Wie lange hat es gedauert, Parents in Arts auf die Beine zu stellen?

Gut zweieinhalb Jahre. Im zweiten Covid-Lockdown im Januar 2021, zwischen Homeschooling und keinem Raum fürs Schreiben, hat es mich frustriert, wenn andere von »So viel Zeit und Ruhe« sprachen. Die herrschende Förderpraxis im Literaturbetrieb, welche Menschen, die Care-Arbeit leisten, an vielen Stellen ausschließt, hatte mich lange sprachlos gemacht, jetzt war das Maß voll. Ich schrieb eine E-Mail an die Kulturbehörde, aus der, schneller als gedacht, eine Initiative wurde. Bis allerdings alle Fragen und Unterfragen, der Stipendiumsort, die Organisationsstruktur und nicht zuletzt das Finanzielle geklärt waren, ging doch einige Zeit ins Land.

3. Hast du einen Tipp für andere, die sich ein solches Stipendium auch für ihr Bundesland wünschen?

Sprecht die Idee im Literaturreferat eurer Kulturbehörden an. In Hamburg haben wir eine große Offenheit für Care-Themen erlebt, ein sofortiges Engagement und eine Dankbarkeit für unsere Initiative. Macht euch bewusst, dass ihr nicht in der Rolle der Bittsteller:innen seid, sondern eine innovative Idee zu bieten habt, von der die Stadt bzw. das Land profitiert. Und nicht zuletzt: Verweist auf Hamburg!

Weitere Fakten zum Stipendium Parents in Arts in Hamburg

Residenzort ist das Annemirl-Bauer-Haus in Brandenburg, ein 1978 gegründeter Künstlerinnenhof, an dem die Berliner Malerin Annemirl Bauer (1939–1989) wohnte und arbeitete.

Drei der sechs Stipendien werden im Bereich Literatur und drei im Bereich Bildende Kunst vergeben.
Zeiträume im Jahr 2024:

  • 22. Juli bis 5. August 2024 für zwei Stipendiat:innen mit insgesamt bis zu sechs Kindern
  • 9. bis 23. September 2024 für vier Stipendiat:innen ohne begleitende Kinder

Die Hamburger Kulturbehörde übernimmt die Miete der sechs Residenzen sowie die Kosten für die Kinderbetreuung am Stipendienort. Zusätzlich erhält jede:r Stipendiat:in eine Aufwandspauschale in Höhe von 1.000 Euro.

Für »Parents in Arts« kann man sich bis zum 17. Dezember 2023 bewerben.

Blogbild: Pixabay