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Lesungshonorare sinken – Autorinnen und Autoren verdienen weniger

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Leere Stuhlreihen: Veranstalter zahlen Autor:innen seit der Corona-Krise (noch) schlechtere Lesungshonorare

Seit der Corona-Krise zahlen Veranstalter oft (noch) weniger Lesungshonorare. Autorinnen und Autoren verdienen dadurch immer weniger. Das ergab eine Umfrage des Netzwerks Autorenrechte (NAR). Die wenigen und oft schlechten Lesungshonorare wirken sich nachteilig auf die Altersabsicherung von Autor:innen aus.

In keinem anderen Land der Welt sind Lesungen von Autor:innen aus ihren Büchern so beliebt beim Publikum wie in Deutschland. Ob im Buchladen, in Literaturhäusern oder an außergewöhnlichen Orten wie in einer Dampfsauna oder einer Weinbar, auf Festivals oder im Umfeld der Frankfurter und Leipziger Buchmesse mit aberhunderten Veranstaltungen, Podien und Lesungen: Buchaffine profitieren von einer einzigartigen Vorlese-Kultur, die das regionale Literaturleben bereichern. Bei Buchmessen erhalten viele Autoren und Autorinnen für ihren Einsatz allerdings kein Honorar – eine »Branchenüblichkeit«, die von Schriftsteller:innen als selbstverständlich erwartet wird.

Angemessene Vergütung von Lesungen hat laut NAR-Umfrage Seltenheitswert

Doch auch jenseits der Buchmessen hat die angemessene Vergütung für die Vortragsarbeit der Buchautoren und -autorinnen Seltenheitswert. Und insbesondere seit der Corona-Krise zahlen Veranstalter noch weniger Geld. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Netzwerks Autorenrechte (NAR), die im Oktober 2023 veröffentlicht wurde. Zwar empfiehlt der Verband deutscher Schriftsteller:innen (VS) in verdi pro Lesung ein Honorar von 500 Euro zuzüglich Spesen. Und das auch erst seit 2023. Vorher lag die Empfehlung viele Jahre lang bei nur 300 Euro. Von diesen Empfehlungen des VS sind die realen Gagen aber sehr weit entfernt. Sie liegen im Schnitt – wie die Umfrage ergab – bei mageren 165 Euro.

Lesungshonorare: die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage des Netzwerks Autorenrechte im Überblick

Lesungshonorare – Zahlen aus der Corona-Krise:

  • Im Jahr 2021 wurden hochgerechnet 46.650 bereits vereinbarte Lesungen abgesagt.
  • Im Jahr 2022 waren „nur noch“ etwas über 20.000 Leseveranstaltungen von Absagen betroffen. In diesen Zahlen nicht enthalten sind natürlich all jene Veranstaltungen – zum Beispiel Festivals –, die gleich gar nicht gebucht wurden.
  • Im Jahr 2022 wurden mit öffentlichen Förderungen hochgerechnet 50.240 einzelne Lesungen (auch innerhalb von Festivals) organisiert. Was zunächst viel klingt, relativiert sich, da je Autor und Autorin nur von knapp 3 geförderten Lesungen in zwei Jahren profitierten (pro Jahr: 1,5).
  • Im Schnitt verloren Autor:innen jedoch 3,5 Lese-Gagen pro Jahr.
  • Fördermittel zur Überbrückung der Ausfälle durch die Corona-Krise, wie etwa von NEUSTART KULTUR oder Länder-Programmen, wurden in den Jahren 2021 und 2022 vorwiegend für die Buchung bekannter Namen eingesetzt, der weniger bekannte „Midlister“ oder neue Stimmen gingen leer aus. Im Schnitt erhielten Autor:innen 1,5 / Jahr durch den Bund geförderte Lesung. Damit kompensierten die eingesetzten Mittel nicht annähernd die realen Ausfälle.

Lesungshonorare – Zahlen nach der Corona-Krise

  • Durchschnittsgagen ohne Förderungen reduzierten sich von 178–196 Euro pro Lesung im Jahr 2016 auf 165 Euro im Jahr 2022; im Gesamtmittel verteilten sich alle Erlöse in den Jahren 2021 und 2022 auf 100 Euro pro Lesung pro Autor.
  • Insgesamt lesen Autor:innen seit der Krise seltener und zudem für weniger Geld als zuvor.

Lesungshonorare – das Fazit: Autor:innen subventionieren die lokale Lesekultur

Die Krise hält für die Quellen der gesamten Buchwirtschaft, die Autor:innen und Übersetzer:innen, weiterhin an: Seit der Pandemie wird ihnen noch häufiger kein oder zu geringes Honorar für ihre Vortragsarbeit, auch bei für Besucher kostenpflichtigen Veranstaltungen, angeboten. Die Rechtfertigungen reichen von ‚kein Etat’ bis hin zu ‚ist doch Werbung‘. Von den Kommunen kurz gehaltene Kulturbetriebe oder von ehrenamtlichen wie professionellen Veranstaltern wird weiterhin zu oft an den guten Willen der Autoren und Autorinnen appelliert. Der Etat für angemessene Künstler:innenhonorare bleibt der kleinste Budgetfaktor, obgleich ohne die Akteure selbst keine Veranstaltung möglich wäre.
Auf diese Weise subventionieren Schriftsteller und Schriftstellerinnen die lokale Lesekultur.

Lesungen ein wichtiger Einkommensfaktor und eine Grundlage zum Verbleib in der Künstlersozialkasse

Gerade für hauptberufliche Autor:innen und jene mit Neuerscheinungen sind Lesungen ein wichtiger Einkommensfaktor und auch eine Grundlage zum Verbleib in der Künstlersozialkasse (KSK). Das zeigte sich während der Pandemie, als die Corona-Schutzmaßnahmen zum Ausfall von abertausenden Life-Veranstaltungen führte und damit drastische Einkommensverluste nach sich zog; im Median 50%, wie die Lesungsumfrage des NAR berechnete, in manchen Genres wie Kinderbuch oder Belletristik bis zu 80%, wie das European Writers‘ Council (EWC) 2022 nachwies.

Insgesamt sind die Umsätze der ca. 30.000 bei den Finanzämtern registrierten Schriftsteller:innen in Deutschland im Jahr 2022 um 100 Mio. Euro auf 794,9 Mio. Euro gesunken. Dies hat einen negativen Einfluss auch auf Einzahlungen in Sozial- oder Rentenversicherungssysteme. Insgesamt gilt die Corona-Krise als große Ruptur, die die freischaffenden Autoren und Autorinnen wirtschaftlich ungeschützt schultern. Autor:innen waren zum Beispiel von struktureller Corona-Kompensation ausgenommen und konnten sich nur via Anträgen über Veranstalter für Unterstützungsleistungen bewerben. Außerdem waren Corona-Hilfen nur an Betriebsausgaben gebunden, aber nicht an die Deckung der Lebenshaltungskosten. Auch waren die Sofortprogramme der Länder maximal divers. Nur wenige Bundesländer haben Stipendien- oder vergleichbare Literaturförderprogramme aufgelegt.

Lesungshonorare – Daten zur Erhebung

530 Schriftsteller:innen aus 16 professionellen Verbänden allen Genres und aus allen Bundesländern der D-A-CH-Region haben anonymisiert an der Erhebung teilgenommen, und Auskunft über sensible Details wie Honorarhöhen, Anreise-Bedingungen, Fördermitteleinsatz und die Entwicklung der Honorarhöhen vor, während und nach der Pandemie gegeben. Das Netzwerk Autorenrechte (NAR), das 16 Organisationen professioneller Buch-Autor:innen und Übersetzer:innenverbände vereint, führt seit 2014 ein Monitoring über Lesungshonorare durch, evaluiert von Daniel Carinsson (Syndikat e.V.).

An der Befragung 2023 nahmen die Mitglieder folgender 13 Verbände und Vereinigungen teil: 42erAutoren e.V., A*dS Autorinnen und Autoren der Schweiz, BVjA - Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V. , DELIA Vereinigung deutschsprachiger Liebesautorinnen und -autoren, HOMER Historische Literatur e.V., IG Autorinnen Autoren (Österreich), Mörderische Schwestern e.V., Phantastik- Autoren-Netzwerk (PAN) e.V., PEN Zentrum Deutschland, Selfpublisher-Verband e. V., Syndikat e.V. – Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, VdÜ – Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e. V., Verband deutscher Schriftsteller*innen (VS) in ver.di.

Blogbild: Peter H, Pixabay