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Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis wird nicht vergeben

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis geht nicht an Papierklavier

»Papierklavier« erhält nicht den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Eigentlich nicht weiter verwunderlich.

In diesem Jahr vergibt die Deutsche Bischofskonferenz den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis nicht. Der Grund dafür, den die Deutsche Bischofskonferenz allerdings bestreitet: Das von der Jury vorgeschlagene Buch entspricht nicht den Kriterien der Statuten, weil in dem Buch das Thema Transgender eine Rolle spielt.

Offener Brief der Spreeautor*innen

Die Spreeautor*innen, ein Berliner Netzwerk von Profi-Autor*innen und -Illustrator*innen aus dem Bereich Kinder-und Jugendbuch, veröffentlichten daraufhin am 17. Mai 2021 einen offenen Brief. Unterzeichnet haben ihn 222 Autorinnen und Illustratoren, darunter Isabel Abedi, Kirsten Boie, Anke Kuhl, Finn-Ole Heinrich und  Paul Maar. Hier der Wortlaut des Briefes:

Sehr geehrter Ständiger Rat,

mit Entsetzen und Unverständnis haben wir von Ihrer Entscheidung gelesen, dem Votum der Jury des Katholischen Kinder-und Jugendbuchpreises nicht zu folgen und das für preiswürdig befundene Jugendbuch Papierklavier nicht auszuzeichnen. Nicht genug damit: Das Buch wurde sogar von der Empfehlungsliste gestrichen. Und das, obwohl es wichtige Themen für Jugendliche behandelt, darunter Familie und Freundschaft, Empathie und Zusammenhalt, Armut und Tod, Erwachsenwerden und Sexualität und die Auseinandersetzung mit Schönheitsnormen und Geschlechterfragen (z.B. trans Sein). Diese intentionale Ausgrenzung wollen wir unterzeichnenden Autor*innen und Illustrator*innen nicht schweigend hinnehmen.

Ihre Begründung, das Buch würde den Statuten des Preises nicht entsprechen, können wir nicht nachvollziehen, immerhin wurde es von einer zuvor eingesetzten Expert*innenjury nominiert – einer Jury, die nicht nur mit den Statuten des Preises bestens vertraut ist, sondern deren Expertise, auch im theologischen Sinne, wesentlich dazu beigetragen hat, den Preis zu einer hochkarätigen Auszeichnung im Bereich der Kinder-und Jugendliteratur zu machen.

Die Ablehnung der Jury-Entscheidung verweist auf ein fehlendes Vertrauen in jene Vertreter*innen kirchlicher Institutionen, die mit jungen Menschen arbeiten, ihre Lebenswelten und -realitäten, ihre Sorgen und Hoffnungen kennen. Die Jury kam zum Schluss, dass das Buch das Preiskriterium »beispielhaft und altersgemäß christliche Lebenshaltungen zu verdeutlichen« erfüllt. Die Ablehnung eines von der Expert*innenjury ausgewählten Buches stellt so die Glaubwürdigkeit dieses Preises zukünftig in Frage und beschädigt auch das Ansehen der ihn stiftenden Institution nachhaltig. Wir möchten Sie daher dringend bitten, Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken und der Empfehlung der Jury zu folgen.

Mit freundlichen Grüßen

Die unterzeichnenden Autor*innen und Illustrator*innen

Die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlichte daraufhin am 20. Mai 2021 folgende Pressemeldung:

»Am 6. April 2021 haben wir veröffentlicht, dass der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis in diesem Jahr nicht verliehen wird. Wir bedauern sehr, dass wir dem Vorschlag der Jury nicht folgen konnten: Das Buch „Papierklavier“ bündelt eindrucksvoll wie in einem Brennglas die heutige Lebenswirklichkeit von Jugendlichen. Allerdings hat die Auffassung bei den Bischöfen überwogen, dass das Buch nicht hinreichend den Kriterien des Preises entspricht. Weder das Thema Transgender noch die Autorin – die bereits mehrfach auf der Empfehlungsliste in den zurückliegenden Jahren vertreten war – waren hierfür entscheidend. Die Bischofskonferenz ist der Jury für ihre Arbeit dankbar. Wir haben Verständnis für die entstandenen Irritationen. Die vielen aktuellen Rückmeldungen nehmen wir sehr ernst. Sie verdeutlichen die Erwartungen an unser Engagement für Kinder- und Jugendliteratur, das die Kirche auch weiterhin einbringen wird.«

Die Deutsche Bischofskonferenz – was ist das?

Die Deutsche Bischofskonferenz ist ein Zusammenschluss der katholischen Bischöfe in Deutschland. Derzeit gehören ihr 68 Männer (Stand: Mai 2021) aus den 27 deutschen (Erz-)Bistümern an.
Die Ausschreibung für das kommende Jahr ist bereits online.

Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis – Ausschreibung für 2022

Auch für das Jahr 2022 lädt die Deutsche Bischofskonferenz dazu ein, sich an der Ausschreibung für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchreis zu beteiligen. Einsendeschluss ist der 29. Oktober 2021. Erneut geht es darum, Kinder- und Jugendbücher auszuzeichnen, die »beispielhaft und altersgemäß religiöse Erfahrungen vermitteln, Glaubenswissen erschließen und christliche Lebenshaltungen verdeutlichen. Die ausgezeichneten Werke sollen das Zusammenleben von Gemeinschaften, Religionen und Kulturen fördern. Dabei muss die transzendente und damit religiöse Dimension erkennbar sein.«

»Papierklavier« begeistert – nur eben nicht die Bischöfe

»Papierklavier« erhielt bereits folgende Auszeichnungen: »Die besten 7 Bücher für junge Leser«, Monats-»LUCHS« (ZEIT/Radio Bremen), »Leselotse« (Börsenblatt), »Buch des Monats Dezember 2020« (Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur), »Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2021«. Es ist für den »Deutschen Jugendbuchpreis 2021« nominiert und findet sich auf der Longlist »Die Schönsten Deutschen Bücher 2021« (Stiftung Buchkunst).

Was soll man von alledem halten?

Vor 400 Jahren hätte die Kirche die Macherinnen eines solchen Werkes als Hexen verbrannt. Heute gibt die Kirche das Preisgeld von 5.000 Euro lieber für andere Dinge aus. Und in weiteren 400 Jahren sitzen in der Bischofskonferenz wahrscheinlich jede Menge Frauen und der Papst ist divers und nennt sich Franziska, Paula oder Johanna. Üben wir uns also in Geduld. Alles fließt.

Blogbild: Cover von »Papierklavier«, Autorin: Elisabeth Steinkellner, Illustratorin: Anna Gusella, erschienen bei Beltz, erhältlich u. a. im Autorenwelt-Shop.