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Für gerechte Bedingungen beim E-Lending, also der Ausleihe von E-Books durch Bibliotheken

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Netzwerk Autorenrechte plädiert für gerechte Bedingungen beim E-Lending, also bei der Ausleihe von E-Books durch Bibliotheken

Das Netzwerk Autorenrechte plädiert für gerechte Bedingungen bei der Ausleihe von E-Books durch Bibliotheken, auch E-Lendung beziehungsweise Onleihe genannt. In einem Offenen Brief beschuldigt das Netzwerk Autorenrechte den Deutschen Bibliotheksverband die Corona-Krise auszunutzen, um die eigenen Interessen durchzusetzen – und das auf dem Rücken der Autor*innen, Selfpublisher, Übersetzer*innen, Verlage und Buchhändler*innen.

Erst vor wenigen Tagen, am 22. Januar 2021, hatte sich der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) in einem Offenen Brief an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags und an viele Medienleute gewandt. Darin beklagt sich der dbv, die Verlage verweigerten den Bibliotheken 70 Prozent der E-Book-Titel der Spiegel-Bestsellerliste (Belletristik und Sachbücher). Lizenzen für die Ausleihe würden häufig erst nach monatelanger Wartezeit, oftmals auch gar nicht eingeräumt. Damit trockneten die Verlage »systematisch die öffentliche Infrastruktur zur Teilhabe an Wissen und Information aus«.

Ebenfalls mit einem Offenen Brief und ebenfalls gerichtet an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags setzt sich nun das Netzwerk Autorenrechte (NAR) gegen Behauptungen des dbv zur Wehr.
Das Bekenntnis zur digitalen Gesellschaft brauche Budgets und eine Politik im Sinne der Quellen der Buchwirtschaft, des Wissens und der Literatur. Diese Quellen sind die Urheberinnen und Urheber. Es dürfte nicht sein, dass die Autor*innen die Versorgung der digitalen Gesellschaft mit E-Books bezahlten.

Die Ausleihe von E-Books durch Bibliotheken (auch als E-Lending oder Onleihe bekannt) ist zwischen dem Deutsche Bibliotheksverband und den Autor*innen und Verlagen seit Jahren ein Zankapfel. Die Bibliotheken möchten möglichst wenig oder gar kein Geld für die Lizenzen ausgeben; Verlage und Autor*innen müssen aber von den Früchten ihrer Arbeit leben können.

In dem Offenen Brief des NARs heißt es:

»Während der Pandemie hat sich gezeigt, dass digitale Lese- und Lernmaßnahmen gebraucht und gewollt sind. Hier haben sich zwei deutliche Lücken im Gesamtsystem offenbart:

  • E-Lending ist durch die Haushalte der Kommunen in der Anschaffung nicht mehr abzudecken, obgleich die pauschalen Lizenzgebühren im Europavergleich bereits sehr niedrig sind.  
  • Der digitale Austausch von Lehrmaterial stellt Bildungsinstitutionen vor eine gestiegene Budget-Herausforderungen.«

In dieser prekären Situation wolle der dbv die Politik überzeugen, hastig eine urheberrechtsfeindliche Gesetzesgrundlage für die Ausleihe von E-Books durch Bibliotheken zu schaffen. »Mit dieser sollen die Leistungserbringer gezwungen werden, ihre E-Books vom Tag der Veröffentlichung an für eine geringe Entschädigung statt fair verhandelter Lizenzvergütungen allen Bibliotheken zugänglich zu machen. Dagegen protestieren wir energisch! Hier braucht es stattdessen, etwa nach dänischem oder norwegischem Vorbild, eine klare Selbstverpflichtung des Staates, Bibliotheken und Bildungsinstitutionen mit einem deutlich erhöhten Etat für digitale Medien bei unbedingter gleichzeitiger Wahrung der Lizenzfreiheit UND Durchsetzungsfähigkeit des Urhebervertragsrechts auszustatten. Die Nutzung dieser Inhalte muss gerecht entlohnt, die Wissens- und Kultur-Ressourcen geschützt und die Zukunft einer freien und faktenorientierten, vielfältigen Literatur- und Informationsgesellschaft gewährleistet werden.«

Das NAR bittet die Abgeordneten »inständig, an den frei verhandelbaren Lizenzen für E-Books festzuhalten und dem Ansinnen des dbv eine klare Absage zu erteilen.« Es plädiert »für eine deutliche Erhöhung der kommunalen Etats zur Medienerwerbung und elektronischen Ausleihvergütung.« Nur das sei ein integrer Weg in eine nachhaltige Zukunft.

Auf der zweiten Seite des Offenen Briefs listet das NAR seine Argumente auf. Hier der Originalwortlaut:

Unsere Klarstellungen zum Offenen Brief des dbv

  1. Der dbv möchte Zugriff auf E-Book-Titel der Spiegel-Bestsellerliste, die „den Bibliotheken bis zu einem Jahr lang vorenthalten“ seien. Tatsächlich hat jede:r Bürger:in die Möglichkeit, die urheberrechtlichgeschützten E-Books käuflich zu erwerben. Die Formulierung macht deutlich, dass es dem dbv um Titel auf den Bestsellerlisten geht – und nicht um das Fundament aller bildungsrelevanten Titel.
  2. Der Zugang zu Wissen und Information darf nicht kontrolliert und nicht zensiert werden. Im Gegensatz zu der Behauptung des dbvsteht Kostenfreiheit nicht im Grundgesetz. E-Books sind Wirtschaftsgüter und das Produkt eines aufwendigen Herstellungsprozesses. Sie können, wie jedes andereWirtschaftsgut auch, gegen angemessenes Entgelt erworben werden. Der dbv versucht, bestens eingeführte Lizenzmodelle und faire Verhandlungen in Misskredit zu bringen. Es kann nicht sein, dass der Bildungsauftrag von Bibliotheken auf dem Rücken der Autor:innen und Verlage als Leistungserbringer ausgetragen wird. Wenn der Staat seinem digitalen Bildungsauftrag nachkommen will, müssen die Leistungserbringenden auch angemessen vergütet werden.
  3. Die Forderung der „Gleichstellung von E-Books gegenüber gedruckten Büchern“ stellt einen Eingriff in die unternehmerische Autonomie dar. Autor:innen und Verlage müssen selbst entscheiden, ob und wann sie zu welchen Konditionen ihre E-Books in jeglichen Verleih geben.
  4. Der dbv behauptet, die deutsche Politik habe den Bürgern und Bürgerinnen den Zugang zu gedruckten Büchern durch ein Verleihrecht gesichert und versprochen, dies auch für E-Books zu erwirken. Hier empfehlen wir einen Blick in den Koalitionsvertrag, der frei verhandelte Lizenzen befürwortet.
  5. Bibliotheksnutzer:innen gehören nicht zu den aktivsten Käufer:innen am Buchmarkt. Eine genaue Lektüre der vom dbv herangeführten GfK-Studie zeigt, dass der Durchschnittspreis der E-Book-Käufe durch Nutzer:innen der Onleihe signifikant unter den durchschnittlichen E-Book-Preisen liegt.
  6. Die zitierte GfK-Studie belegt, dass der Verkauf von E-Books durch E-Lending beeinträchtigt wird. Der dbv unterschlägt in seiner Behauptung, dass Besserverdienende, die üblicherweise Bücher kaufen würden, gezielt auf Onleihe-Schnäppchenjagd gehen, während Einkommensschwache Bibliotheksangebote nicht in dem Umfang wahrnehmen, wie es rhetorisch verkauft wird.
  7. Der Buchhandel wird durch die Ausleihe von Büchern und E-Books beeinträchtigt. Angesichts von rund 350 Millionen ausgeliehenen Büchern und 30 Millionen E-Books (inzwischen mehr, als verkauft werden) erscheint das Negieren eines Negativeffekts seitens des dbv wie aus Grimms Märchen. Faktisch findet bereits eine Marktverlagerung zum Nachteil der Autor:innen statt, der Anteil von elektronischen Medien, die über die Bibliotheken ausgeliehen werden, beträgt 15 bis 20 Prozent aller Entleihungen.
  8. Der geplante Gesetzentwurf zur Umsetzung der Europäischen Urheberrechtrichtlinie macht Bibliotheksnutzer:innen nicht zu Leser:innen „Zweiter Klasse“, wie sie der dbv nennt, weil das Thema E-Lending nicht darin behandelt werde. Ebenso gut könnte man behaupten, der Gesetzentwurf wirke sich negativ auf den Verkauf von Fahrrädern aus. Auch dazu steht nichts im Entwurf.
  9. Der Aggregator divibib GmbH, als Tochter der ekz.bibliotheksservice GmbH, wiederum Fördermitglied des dbv, würde durch eine Schranke zum Monopolisten aufsteigen. Bereits jetzt profitiert die DIVIbib von 30-prozentigen Provisionen bei Lizenzen für den elektronischen Einkauf (Die Vergütung der divibib ist damit höher als die der Autor:innen als Leistungserbringer).

Noch sehr viel ausführlicher und eindringlicher als in dem Offenen Brief des NAR äußern sich Nina George und Frank Rösner in einem Gastbeitrag zur aktuellen E-Lending-Kampagne des dbv auf der Website des NAR. Der Titel des Gastbeitrags: »Sind Autor:innen, Übersetzer:innen, Verlage und Buchhandlungen die Deppen der Nation?«.

In dem Gastbeitrag schreiben die Verlagsautorin und der Selfpublisher unter anderem:

»Autor:innen und Verlage sollten selbst entscheiden können, ob und wann sie zu welchen Konditionen ihre E-Books in jeglichen Verleih geben. Niemand käme auf die Idee, die Autohersteller zu zwingen, in Pandemiezeiten ihre Fahrzeuge zu verleihen, um den öffentlichen Nahverkehr zu entlasten. Von Autor:innen und Verlagen wird dagegen erwartet, dass sie die Schließung der Bibliotheken durch Verzicht auf verhandelbare Vergütungen im E-Lending kompensieren.«

Und auch: »Der dbv behauptet, der Buchhandel werde durch die Ausleihe von Büchern und E-Books nicht beschädigt. Angesichts von rund 350 Millionen ausgeliehenen Büchern und 30 Millionen E-Books (inzwischen mehr, als verkauft werden) erscheint diese These wie aus Grimms Märchen. Faktisch findet bereits eine Marktverlagerung zum Nachteil der Autor:innen statt, der Anteil von elektronischen Medien, die über die Webseiten der Bibliotheken elektronisch ausgeliehen werden, steigt seit zehn Jahren an; inzwischen sind es 15 bis 20 Prozent aller Entleihungen, bei sinkender Vergütung seitens der Bibliotheken. Das trifft sogar Autor:innen, die nicht oder weniger in Bibliotheken vertreten sind, also auch Selfpublisher. Denn wer ein kostenloses Buch liest, ist kaum geneigt, ein Buch zu kaufen. Lesezeit lässt sich nun mal nicht beliebig vervielfältigen.«

Interessanter Fakt am Rande, den Nina George und Frank Rösner in ihrem Beitrag erwähnen: Die diviIbib GmbH,  Fördermitglied des dbv und Aufbereiterin der Medieninhalte (Aggregatorin), schöpft mit oft 30-prozentigen Provisionen bei Lizenzen für den elektronischen Bibliothekseinkauf bereits jetzt mehr ab als die Autor*innen als Leistungserbringer. Auch das sei etwas, das der dbv verschweige.

Das Netzwerk Autorenrechte (NAR)

Das Netzwerk Autorenrechte vereint 14 eigenständige Verbände deutschsprachiger Autor*innen und Übersetzer*innen mit 15.500 Mitgliedern.

Links
www.bibliotheksverband.de/dbv/kampagnen-und-aktionstage/e-medien-in-der-bibliothek/offener-brief.html
www.netzwerk-autorenrechte.de/docs/NAR_Stellungnahme_E-Lending_26012021.pdf
www.netzwerk-autorenrechte.de/gastbeitrag-e-lending.html
www.autorenwelt.de/blog/branchen-news/erfolg-der-onleihe-macht-verlagen-und-autorinnen-und-autoren-sorgen

Blogbild: Foto: CHUTTERSNAP auf Unsplash