
Harlequin, ein Label von HarperCollins France, kündigt die Zusammenarbeit mit Übersetzer*innen auf. Der Verlag, in dem vorwiegend Liebesromane erscheinen, setzt auf KI-gestützte Übersetzungen, um Kosten zu sparen. Dagegen protestieren die französischen Literaturübersetzer*innen.
Die Association des traducteurs littéraires de France (ATLF, Vereinigung der Literaturübersetzer Frankreichs) und das Kollektiv En chair et en os, Collectif pour une traduction humaine (Aus Fleisch und Blut, Kollektiv für eine menschliche Übersetzung) protestieren gegen HarperCollins France. Das Unternehmen will in Zukunft beim Harlequin Verlag nicht mehr mit Übersetzerinnen und Übersetzern zusammenarbeiten.
Die beiden Vereinigungen haben eine Mitteilung verfasst, die im Original auf Französisch hier zu finden ist.
Ausverkauf der Übersetzung, unsichtbarer Sozialplan: Harlequin steigt auf KI um
Liebe Mitglieder,seit einigen Wochen erhalten Dutzende von Übersetzern und Übersetzerinnen, die regelmäßig für den Verlag Harlequin (HarperCollins France: https://www.harpercollins.fr/) arbeiten, Anrufe, in dem ihnen das Ende ihrer Zusammenarbeit mit dem Verlag mitgeteilt wird. Ihre laufenden Verträge werden die letzten sein.
Harlequin verzichtet nach und nach auf menschengemachte Übersetzungen: Ein externer Dienstleister, die Kommunikationsagentur Fluent Planet, wird die Texte mit einer maschinellen Übersetzungssoftware bearbeiten und beauftragt freiberufliche Korrektoren und Korrekturleser, die die maschinelle Übersetzung ins Französische nachbearbeiten. Das erklärte Ziel ist es, durch Arbeitszeitersparnis die Rentabilität zu steigern.
Unseres Wissens ist dies das erste Mal in Frankreich, dass ein Verlag in großem Umfang auf maschinelle Übersetzung und Nachbearbeitung umstellt und diese Tätigkeiten zudem auslagert. Verdient er dann noch den Namen „Verlag”?
Solche Praktiken sind inakzeptabel. Menschen, die manchmal schon seit langem für den Verlag tätig sind, verlieren plötzlich ihre regelmäßige Einnahmequelle und erhalten als Entschädigung lediglich die Möglichkeit (übrigens ohne jegliche Garantie), zu einem geringeren Tarif für den externen Dienstleister, Fluent Planet, zu arbeiten, anstatt für den Verlag zu übersetzen. Eine Perspektive, die viele der betroffenen Übersetzerinnen und Übersetzer ablehnen.
Um die Zusammenarbeit mit uns Künstlerinnen und Autoren zu beenden, bedarf es keiner Kündigung und keiner Kündigungsfrist, selbst wenn die Zusammenarbeit fünf, zehn oder sogar zwanzig Jahre lang regelmäßig stattgefunden hat. Die Realität des plötzlichen Verlusts von Arbeit und Einkommen bleibt dennoch bestehen. Wir leiden unter den extrem unsicheren Erwerbsverhältnissen als Künstler und Autorinnen: Wir haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, und einige Betroffene, die kurz vor dem Rentenalter stehen, können aufgrund der Nichtabführung von Beiträgen an die AGESSA nicht einmal mit einer angemessenen Rente rechnen. Unter diesen Umständen müssen wir uns als Berufsstand gemeinsam gegen etwas wehren, das einem unsichtbaren Sozialplan gleichkommt.
Diese Praktiken sind ein Verrat an den Buchschaffenden, aber auch ein Verrat an den Leserinnen und Lesern. Sie entwerten die Tätigkeit des Übersetzens völlig und missachten diejenigen, die übersetzen, und diejenigen, die lesen. Sie leiten den Anfang einer Abwärtsspirale der Qualität der Verlagsproduktion ein, angetrieben von der schädlichen Logik etwas sei „gut genug”, die den Buchschaffenden ihr Know-how und ihre Kreativität nimmt und den Leser*innen den Zugang zu menschlicher und lebendiger Literatur versprerrt.
Buchschaffende, Verlagsleitende, Leserinnen und Leser: Lehnen wir es ab, dass die „maschinelle Übersetzung“ in den Verlagen Einzug hält, und bekräftigen wir unser bedingungsloses Bekenntnis zu menschlichen Texten, die von Menschen unter würdigen Arbeitsbedingungen geschaffen wurden.
Die ATLF (Association des traducteurs littéraires de France, Vereinigung der Literaturübersetzer Frankreichs)
und das Kollektiv En chair et en os, Collectif pour une traduction humaine (Aus Fleisch und Blut, für eine menschliche Übersetzung)
Blogbild: Tränendes Herz, Foto: Anja, Pixabay
