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3 Fragen an den Literaturagenten Patrick Baumgärtel

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1) Wie sieht der perfekte Autor, die perfekte Autorin aus? Was bringt er/sie mit? Was sollte er/sie können? Was sollte er/sie tun, etwa auch im Hinblick auf Social Media?

Der ideale Autor, die ideale Autorin hat ein gutes Gefühl für literarische Sprache, für eine spannende Plotstruktur, für prägnante Figuren, hat originelle Ideen, die auch aus der täglichen Beschäftigung mit aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen erwachsen, ist also erst einmal sowohl in den Wolken der Phantasie, als auch auf dem Boden der Tatsachen zu Hause. Er oder sie ist weiterhin nicht allzu sauer, wenn einige Leser, vor allem diejenigen, die sich als Kritiker bezeichnen, seine oder ihre Bücher nicht so toll finden, oder Leser auf Blogs oder in den Amazon-Kritiken wenig Taktgefühl ihm oder ihr gegenüber entfalten. Seinem oder ihrem Selbstwertgefühl schadet all das nicht. Darüber hinaus kann der ideale Autor, die ideale Autorin sich und seine/ihre Bücher wie ein Radio- oder Fernsehmoderator präsentieren, hat keine Scheu vor Lesermassen auf seinen/ihren vielen Lesereisen oder an Buchverkaufsständen, vor Radio-Mikrofonen oder Fernsehkameras. Er oder sie ist selbstverständlich foto- und telegen und präsentiert sich auch aktiv und regelmäßig im Internet, im Blog oder dem Facebook- oder Twitterprofil, wo er oder sie massive virtuelle Freundesschwärme um sich schart und mit ihnen freundschaftlich und professionell über Gott und die Welt sowie über sein/ihr Werk kommuniziert. Der ideale Autor, die ideale Autorin hat super Kontakte in die Medienwelt, so dass er oder sie die ganze Zeit aus allen Gazetten der Welt strahlt.

Leider gibt es den idealen Autor, die ideale Autorin nicht, aber deswegen haben sie ja auch Agenten.

2) Sie bieten auch Schreibkurse an. Müssen sich AutorInnen regelmäßig weiterbilden wie Ärzte? Oder sind Seminare eher etwas für AnfängerInnen?

Unsere Seminarangebote in den Bereichen Roman und Krimi/Thriller wenden sich sowohl an AutorInnen am Anfang ihrer Karriere als auch an erfahrenere Literaten. Hier geht es zum Einen um die handwerklichen Aspekte, die von vielen AutorInnen und LeserInnen unterschätzt werden, zum anderen aber auch um Feedback, Eindrücke und neue Ideen von außen – wie in einer etwas professionelleren Schreibwerkstatt. AutorInnen schmoren mit ihren Manuskripten oft zu lange allein am heimischen Schreibtisch. Dadurch, dass unsere Agentur mit unserer Nase immer im Buchmarkt-Wind schnuppert, ergibt sich für die Teilnehmer automatisch der Vorteil, dass wir Hinweise geben können, was vielleicht gerade aktuell oder von Verlagsseite gewünscht ist und in welche Richtung man mit einem Text gehen könnte. Selbst wenn ein erfahrener Autor also einen super Draht zu seinem Lektor hat, kann er sich bei der Vorbereitung auf sein neues Manuskript in unseren Seminaren eine zweite Meinung einholen und von der jeweils anwesenden Schwarmintelligenz inspirieren lassen, und darum geht es ja beim Schreiben. Bei Ärzten hingegen vertraue ich lieber darauf, dass sie ihre Inspiration zu Hause lassen, wenn ich unter ihrem Messer liege.

3) Sie organisieren den „Krimimarathon“, das größte Krimifestival in Berlin/Brandenburg. Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Nach welchen Kriterien wählen Sie die AutorInnen aus? Sind das nur AutorInnen, die Sie in der Agentur betreuen? Welchen Wert haben Veranstaltungen und Lesungen für AutorInnen?

Die Idee, den „Krimimarathon“ zu organisieren, wurde mir von dem Berliner Autor Stephan Hähnel angetragen, der sich stärker seiner literarischen Produktion widmen wollte. Da meine Agentur auch Veranstaltungen für AutorInnen akquiriert, gab es hier einen gemeinsamen Nenner. Ein Krimifestival zu veranstalten macht erstens viel Spaß, weil man es stets mit spannenden AutorInnen zu tun hat, deren neueste Bücher man lesen – und später hören - kann. So bleibt man immer auf dem neuesten Stand. Ausgewählt werden AutorInnen, die aufregende, neue Krimis oder Thriller am Start haben, die möglichst einen Berlin-Brandenburg-Bezug vorweisen können. Zum anderen bietet es die Möglichkeit, Kontakte zu anderen AutorInnen und Verlagen zu knüpfen und den „HausautorInnen“ meiner Agentur ein Forum zu bieten, wo sie mit anderen ins Gespräch kommen und sich präsentieren können. Man kann hier gemeinsam mit der Berliner Verwaltung, den deutschsprachigen Verlagen, den Berlin-Brandenburger Veranstaltern, den AutorInnen, den Sponsoren und nicht zuletzt mit dem Publikum etwas Großes schaffen, von dem alle profitieren. Es ist also eigentlich kein kommerzielles Unterfangen, sondern ein kleines Geschenk an die Berlin-Brandenburger, von dem wir alle etwas haben. Eine Festivallesung ist auch aus diesem Grund für viele AutorInnen etwas Besonderes.

Bonusfrage: Welches Buch lesen Sie gerade und wie gefällt es Ihnen?

Ich habe gerade Kurt Tucholskys schmales Bändchen „Schloss Rheinsberg“ beendet, gerade mal wieder neu aufgelegt im schönen C.H.Beck textura-Imprint. Es ist wunderbar, wie alt und zugleich frisch und zeitgemäß ein Buch sein kann. Tucholsky geht ja in seinem Vorwort davon aus, dass es den Leser im Jahr 1985 schon nicht mehr interessieren wird, weil wir uns nicht für Bücher interessieren, die älter als 50 Jahre sind. Das ist wohl die einzige Stelle, wo er sich irrt. Ansonsten handelt es sich hierbei für mich um die ideale Liebeserzählung, die es auf der einen Seite auf scheinbar leichte Weise vermag, Land, Leute und Liebe zu vereinen, und auf der anderen Seite auch das Gegenteil, Verlust und Einsamkeit, zwischen den Zeilen lesbar macht. Auf jeden Fall muss ich jetzt natürlich an einem der nächsten Sommer-Wochenenden ins Brandenburgische Rheinsberg fahren, um auf den Spuren von Wolfgang und Claire zu wandeln.

> Schoneburg. Literaturagentur